Leicht ist es immer noch nicht. »» Aber nönönö, keine Angst, wir spielen nicht mit dem Gedanken, zurück zu Mutti ins Heimatkaff zu ziehen. Wir haben nur einen ziemlich guten Roman gelesen, der ein Phänomen beschreibt, von dem wir noch nie gehört hatten, das in Japan aber bereits zum Massenphänomen geworden ist: Hikikomori. In „Ich nannte ihn Krawatte“ von Milena Michiko Flasar treffen ein alter und ein junger Mann auf einer Parkbank aufeinander. Der alte Mann bringt es nicht fertig, seiner Frau zu sagen, dass er seine Artbeit in einem Büro verloren hat. Und der junge Taguchi Hiro ist ein Hikikomori: Er hat sich lange Zeit in seinem Jugendzimmer eingesperrt und den Kontakt mit der Außenwelt abgebrochen, weil er nicht wie sein Vater funktionieren wollte.
PAC: Milena, dein Roman spielt in Japan. An einem anderen Ort hätte der Roman auch nicht funktioniert, oder?
Milena Michiko Flasar: Prinzipiell hätte die Geschichte überall angesiedelt werden können. Die Parkbank, auf der sie sich abspielt, hätte genauso gut in Deutschland oder in Österreich stehen können. Dadurch, dass das Hikikomori-Phänomen aber doch ein spezifisch japanisches ist, war die Entscheidung, den Roman in Japan anzusiedeln, von Anfang an klar. Ich habe es aber bewusst nicht zu ortsgebunden gestaltet, so dass man sich auch als europäisch geprägter Leser damit identifizieren kann. Die Geschichte sollte sowohl hier als auch dort auf die eigene Umgebung umsetzbar sein.
PAC: Was genau beschreibt denn das Hikikomori-Phänomen? Wann ist es entstanden, und wie ist es zu einer Massenerscheinung geworden?
Milena Michiko Flasar: Massiv begonnen hat es in den 80er, 90er-Jahren, als der gesellschaftliche Druck, die starke Ausrichtung auf Leistung, Erfolg, Arbeit, Performanz und gute Ergebnisse stetig gewachsen ist. In Japan gibt es ganz unterschiedliche Gründe für das Hikikomori-Phänomen, die von Individuum zu Individuum anders ausfallen. Die Gründe reichen etwa von Kommunikationsschwierigkeiten über soziale Ängste, Phobien, Versagensängste bis hin zu einer Unsicherheit, wer man denn eigentlich ist. Ist man das private oder das öffentliche Gesicht? Wie können echte Begegnungen in diesem Spannungsfeld überhaupt zustande kommen? Auch sehr tief sitzende Traumata können eine Rolle spielen, wie es zum Beispiel in meinem Roman der Fall ist. Aber Hikikomoris gibt es auch in Deutschland und Österreich, nur wird der Name nicht dafür verwendet. Nach den Lesungen kommen oft Leute aus dem Publikum zu mir und sagen, der Text habe sie berührt, weil es in ihrer Familie jemanden gibt, der sich ebenfalls derart zurückgezogen hat.
PAC: Aber in Japan ist es stärker verbreitet, weil der Gesellschaftsdruck stärker ist?
Milena Michiko Flasar: In Japan wird mehr Wert auf Dinge wie Gruppenharmonie gelegt. Das ist auch etwas sehr Positives: Werte wie Loyalität, Achtsamkeit gegenüber anderen und Rücksichtnahme sind durchaus begrüßenswert. Aber vor allem für junge Leute geht damit oft ein sehr großer Druck einher, weil sie in einer Phase stecken, in der sie sich erst mal selbst finden müssen. Es ist sehr schwierig, sein Gesicht zu finden, wenn man unter diesem Anpassungsdruck steht. Da lauert die Angst, anders zu sein, aufzufallen, nicht normal zu sein. Und was ist überhaupt normal? Angesichts dieser Frage ist es gerade für junge Leute sehr schwierig, eine Balance zu finden. Wir sind ja auch alle ein kontextuelles Ich. Wenn ich jetzt mit euch rede, dann bin ich jemand anderer als wenn ich mit meinem Mann oder mit meinem Lehrer rede. Das ist etwas ganz natürliches, man ist immer irgendjemand anderer.
PAC: Kann man denn schon von Hikikomori sprechen, wenn man zurück ins Elternhaus zieht, weil man etwa mit dem eigenen Lebensntwurf gescheitert ist?
Milena Michiko Flasar: Doch, das könnte man wohl auch unter diesem Phänomen zusammenfassen. Wobei natürlich gerade dieses Sich-einsperren-im-Kinderzimmer etwas sehr Symbolhaftes ist. Man sagt Nein zur Welt der Erwachsenen, in die man nicht hineinwachsen möchte. Und dieses Nein ist ein sehr lautes Nein, gerade weil man nicht präsent ist. Das Nein geht nicht explosiv nach außen, sondern implosiv nach innen. Es ist auch ein persönliches Nein, denn es ist ein sehr privater Akt, sich in sein eigenes Zimmer einzusperren.
PAC: Wie geht man mit solchen Menschen um?
Milena Michiko Flasar: Am Anfang ist die Scham groß, einen Hikikomori-Fall in der Familie zu haben. Und man weiß im ersten Moment auch nicht, wie man damit umgehen soll, weil man ja nicht an die betroffene Person herankommt. Da nutzt weder ein Klopfen an die Tür noch helfen Briefe, die man unter der Tür hindurchschiebt. Bei vielen Eltern ist da erstmal eine ganz große Rat- und Hilflosigkeit. Mittlerweile hat sich das Phänomen aber dermaßen verbreitet, in Japan geht man von einer Million Hikikomoris aus, so dass es immer mehr Therapieangebote gibt. Und auch die betroffenen Angehörigen finden Hilfe. Es gibt Zentren, wo Hikikomoris mit anderen Hikikomoris untergebracht werden. Hier erlernen sie Berufe, um eine Grundlage für das spätere Leben zu bekommen, falls sie sich entscheiden, doch wieder zurück in die Gesellschaft zu gehen. Mittlerweile gibt es viele positive Ansätze. Sozialarbeiter sitzen manchmal tagelang vor den Zimmern, bis die Tür wenigstens einen Spalt weit aufgeht. Im Kontakt mit einem Hikikomori geht es meist um minimale Bewegungen. Da ist ein millimeterweit offener Türspalt schon ein riesiger Erfolg.
PAC: Bekämpft man aber nicht nur die Symptome, wenn man versucht, die Hikikomoris wieder zu angepassten Menschen zu machen?
Milena Michiko Flasar: Das Zurückkommen in die Gesellschaft ist ein ganz persönlicher Prozess. Natürlich ist es nicht sinnvoll, wenn man sagt: So, jetzt reiß dich zusammen, zurück in die Gesellschaft, das ist ja nicht so schwierig, erlerne einfach mal einen Beruf. So wird das nicht funktionieren, da ist die Rückfallrate ziemlich hoch. Zunächst ist vor allem wichtig, einfach mal zuzuhören und achtsame Gespräche zu führen. Häufig ist ja gerade das die Ursache, dass man gar keine Zeit mehr für solche Gespräche hat. Manche Eltern haben ihren Sohn oder ihre Tochter einfach versäumt. Sie sind ihrem Kind nie richtig begegnet. Auch in meinem Roman ist das der Fall. Solche Kinder müssen einen Raum zur Verfügung gestellt bekommen, in dem sie wieder mehr Vertrauen in die Gesellschaft fassen können. Gleichzeitig braucht die Gesellschaft aber natürlich auch neue Ziele, die sie solchen jungen Leuten anbieten kann. Sie muss weg von dieser reinen Ausrichtung auf materiellen Wohlstand. Wenn man diese Ausrichtung zu lang und zu rigide forciert, dann bleiben andere tiefere Sehnsüchte auf der Strecke. Dann werden die Menschen aufgerieben und es entstehen eben Krankheitsmuster, die darauf verweisen, das etwas nicht stimmt.
PAC: Gibt es denn auch schon in Deutschland ein Therapiezentrum, an das man sich wenden könnte?
Milena Michiko Flasar: So weit ich weiß nicht, aber in Deutschland läuft das alles auch unter dem Namen „soziale Phobie“, und da gibt es natürlich spezielle Zentren, die sich mit dieser Problematik auseinandersetzen.
PAC: Im Roman trifft der Hikikomori ja auf einen älteren Mann, der ja noch in einer ganz anderen Gesellschaft aufgewachsen ist und etwa zwangsverheiratet wurde. Aber auch er ist gescheitert …
Milena Michiko Flasar: Genau, der Ältere gehört einer anderen Generation an und zu seiner Zeit waren diese Dinge zumindest teilweise noch üblich. Es gab Liebesheiraten und auch vermittelte Heiraten. Ich würde nicht von Zwangsheirat sprechen, denn man wurde und wird ja nicht dazu gezwungen, zu heiraten. Bei einer Vermittlung kann man sich entscheiden, ob man es mit dem jeweils zugewiesenen Partner versuchen möchte oder nicht. Die Problematik des Älteren ist aber trotzdem ganz ähnlich wie die des Hikikomori, es geht um die Einsicht einer persönlichen Schuld. Er hat seinen Sohn nicht anerkannt. Außerdem hat er es versäumt, seiner Frau zur Seite zu stehen und ihr in einer schwierigen Zeit zu helfen. Die Liebe aber ist da, und sie ist es auch, die die beiden durch den Alltag trägt.
PAC: In Deutschland wird ja auch allen ernstes wieder über die Vernunftehe diskutiert. Gerade im Hinblick darauf, dass wir alle von den zu vielen Möglichkeiten überfordert zu sein scheinen.
Milena Michiko Flasar: Es war mir gar nicht bewusst, dass das diskutiert wird. Das ist dann eher eine gegenläufige Entwicklung zu Japan. Als persönlichen Eindruck würde ich sagen, dass man in Japan mehr in Richtung Liebesheirat geht. Es gibt auch den Trend der so genannten „parasitären“ Singles, die überhaupt nicht mehr heiraten wollen. Die leben dann zu Hause bei den Eltern. Sie müssen nicht extra Miete bezahlen und auch kein Essen kaufen, denn das bekommen sie zusammen mit dem Mamapaket. Gleichzeitig gehen sie aber arbeiten und verdienen Geld. Damit können sie sich dann Markenartikel kaufen, auf Reisen gehen usw. und das befriedigt sie offenbar so sehr, dass sie keinen Partner mehr brauchen, mit dem sich diese Dinge teilen ließen. Diese Entwicklung ist ein großes Problem, weil Beziehungen immer mehr durch Konsum ersetzt werden und dadurch eine innere Leere entsteht.
PAC: Aber wie können parasitäre Singles sich denn zu der von ihnen gewählten Lebensweise bekennen. Das ist ja dann doch eher uncool …
Milena Michiko Flasar: In Japan bleibt man, glaube ich, generell länger zu Hause, da dauert die Kindheitsphase ein bisschen länger. Meiner Meinung nach spielt bei den „parasitären“ Singles der Faktor Trägheit eine große Rolle. Es ist einfach zu viel Aufwand, jemanden kennen zu lernen, sich auf diese Person einzulassen und eine verbindliche Beziehung einzugehen. Auch bei uns ist es ja häufig so, dass man viel zu wenig Geduld hat, wirkliche Verbindlichkeit zuzulassen. Da muss man ja sehr viel Zeit und Energie und auch sehr viel von sich selbst investieren. Hinzu kommt, dass die wirtschaftlichen Zwänge heute nicht mehr so groß sind. Früher hat man oft genug geheiratet, um eine sichere wirtschaftliche Grundlage zu haben. Das ist heute zum größten Teil nicht mehr der Fall.
PAC: Das lässt dann ja doch ziemlich pessimistisch in die Zukunft blicken.
Milena Michiko Flasar: Ja, aber Gott sei Dank betrifft das Ganze noch immer nur eine Minderheit. Insofern muss man nicht zu pessimistisch sein. Das Prinzip Hoffnung spielt auch in meinem Buch eine Rolle. Es ist zumindest ein Lichtblick erkennbar, die Tür hat sich, wie gesagt, einen Spalt weit geöffnet.
PAC: Du hoffst also darauf, dass sich viele das Problem bewusst machen und gegen die Ursachen angehen?
Milena Michiko Flasar: Ja, ich hoffe auf eine Bewusstwerdung. Vielleicht ergibt sich darüber ein Verständnis füreinander, ohne dass man vielleicht groß darüber reden muss. Einfach aus einem prinzipiellen Mitgefühl heraus. Dieses Mitgefühl ist auch eines der Grundthemen dieses Buches, und aus diesem Mitgefühl heraus geht es dann natürlich darum, Verantwortung zu übernehmen. Jeder sollte im Idealfall tatkräftig Verantwortung für den anderen und für sich selbst übernehmen können.
„Ich nannte ihn Krawatte“ von Milena Michiko Flasar ist bei Wagenbach erschienen.
Foto Milena Michiko Flasar: Susanne Schleyer/autorenarchiv.de
