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Nicht rosafarben, niemals flauschig

by Carsten on 6. April 2012 · 0 comments

in Über Lesen

Bei ihrem Debüt „Millie“ war die Aufregung vorhersehbar: Der stark autobiografisch gefärbte Roman erzählt von der 19-jährigen Collegestudentin Millie O’Reilly, die jede Nacht auf Alkohol, Koks und Ecstasy durch Liverpools Clubszene zieht und kompromisslos ihre sexuellen Bedürfnisse mit Typen und Frauen auslebt. »» Inzwischen ist Helen Walsh Mutter eines zweijährigen Sohns, was sie zu einem weiteren Roman inspiriert hat. In „Ich will schlafen!“ kämpft die junge Mutter Rachel nach der Geburt mit Schlafmangel und Depressionen. Und wo bitte liegt hier das Skandalpotential? PAC hat bei Helen Walsh nachgefragt, warum sie auf der roten Liste der Feministinnen wieder ganz oben steht.

PAC: Helen, wie findest du es eigentlich, mit jedem veröffentlichten Buch zur Skandalautorin und Tabubrecherin erklärt zu werden?
Helen Walsh: Für mich ist das ziemlich schwer nachzuvollziehen, denn als ich damals „Millie“ geschrieben habe, da war das einfach meine Lebenswelt. Ich war ja keine Außenstehende, die voyeuristisch von einer ihr fremden Welt erzählt hat. Millies Welt war für mich Normalität. Deswegen war es dann auch ein Schock für mich, dass mit so großem Entsetzen auf den Roman reagiert wurde. Ich hatte ein Thema angeschnitten, das von der Gesellschaft noch immer tabuisiert wird, und seitdem werde ich das Stigma der Skandalautorin nicht mehr los. Wenn in England eine Lesung mit mir promotet wird, arbeiten die Veranstalter gern mit einem Schwarzweißfoto, auf dem ich besonders grimmig aussehe. Mir ergeht es da ähnlich wie hierzulande Charlotte Roche, deren Bücher ich sehr bewundere, weil sie vermeintlich unbequeme Dinge thematisieren, die dringend diskutiert gehören. Ihre Bücher sind sehr viel mutiger als meine. Ich habe so viel Gegenwind bekommen, weil mein englischer Verlag „Millie“ nicht als erotischen Roman oder als Nischenbuch vermarktet hat. Mein Buch sollte als Literatur verhandelt werden, und das hat vor allem die gesetzten Mittelschichtsfrauen gegen mich aufgebracht.

PAC: Vermutlich ist es jetzt auch gar nicht viel einfacher, Interviews zu „Ich will schlafen!“ zu geben als damals über „Millie“ zu sprechen, oder?
Helen Walsh: Es fällt mir sogar um einiges schwerer. Als „Millie“ rausgekommen ist, habe ich die Gespräche genossen, da ich nur für mich selbst Verantwortung zu übernehmen hatte. Natürlich ist „Ich will schlafen!“ kein autobiografischer Roman, trotzdem habe ich mich ja von meinem eigenen Leben inspirieren lassen. Wenn ich ein Interview zu dem Roman gebe, stelle ich mir immer vor, wie mein Sohn dieses Gespräch in 13 Jahren nachlesen wird. In meiner Vorstellung macht er mir dann immer den Vorwurf, ich sei eine schreckliche Mutter gewesen. Und bei dieser Verunsicherung spielt auch keine Rolle, dass ich ziemlich sicher weiß, dass das nicht passieren wird. Zumindest wegen der Interviews wird er mir diesen Vorwurf nicht machen. Vermutlich muss ich ihm eher erklären, warum ich mit 16 die Schule abgebrochen habe und nach Barcelona abgehauen bin als dass ich mich für meine Depressionen nach der Geburt rechtfertigen muss.

PAC: Konntest du denn gleich nach der Geburt mit dem Roman beginnen?
Helen Walsh: Ja, ich habe das Buch unglaublich schnell geschrieben, wie in einem Wahn. Die erste Fassung war nach etwa sieben Wochen fertig. Ich habe eine große Dringlichkeit gespürt, und es hat sich ein bisschen so angefühlt wie der Zustand, in dem ich „Millie“ geschrieben habe. In beiden Fällen musste ich etwas loswerden, mich von etwas befreien. Anders wäre das auch gar nicht möglich gewesen. Wenn ich mit „Ich will schlafen!“ sechs Monate gewartet hätte, dann wäre der Roman sicher schrecklich angepasst geworden. Ich hätte mich selbst zu sehr reflektiert und zensiert. Bei Lesungen bin ich immer noch schockiert, wie ich in dieser Zeit drauf gewesen bin. Aber gerade das bestärkt mich in dem Glauben, dass ich diese düsteren Gedanken mit zeitlichem Abstand nie und nimmer hätte einfangen können. Der Roman wäre unehrlich und domestiziert geraten.

PAC: Dabei behaupten die meisten Autoren doch immer, sie brauchen zeitlichen Abstand, um über bestimmte Ereignisse schreiben zu können.
Helen Walsh: Es kommt darauf an. Mein zweiter Roman „Once upon a Time in England“ enthält bestimmte autobiografische Bezüge, bei denen ich 15 Jahre gebraucht habe, um darüber schreiben und sie in einem Roman verarbeiten zu können. Aber es gibt bestimmte Zustände, die sich meiner Meinung nach nur unmittelbar abbilden lassen. „Millie“ könnte ich heute nicht mehr schreiben. Ich musste noch ganz nah dran an diesen von Drogen zersetzten Gefühlen sein. Heute wäre es für mich unmöglich, mich auf diese Weise in das wilde, unbekümmerte und hedonistische Mädchen hineinzuversetzen, das ich damals gewesen bin. Das funktioniert nur als Momentaufnahme. Es ist immer die Frage, ob man eine veränderte Perspektive wünscht oder nicht. Für „Millie“ und auch für „Ich will schlafen!“ wollte ich eine möglichst ungetrübte Dokumentation des jeweiligen Zustands. Ich wollte nicht mit Abstand analysierten und womöglich sogar moralisieren. Heute kann ich „Ich will schlafen!“ kaum ertragen, weil es so ehrlich und verwundbar ist – und das ist für mich die Bestätigung, es richtig gemacht zu haben.

PAC: Aber wo genau liegt bei „Ich will schlafen!“ eigentlich der Skandal? So ziemlich jede junge Mutter wird vermutlich zugeben, nach der Geburt zeitweilig ähnliche Gedanken gehabt zu haben. Geht es einfach nur darum, dass diese Gefühlslagen nicht in Literatur verwandelt werden dürfen?
Helen Walsh: Es ist überhaupt kein Problem, wenn Literatur psychische Erkrankungen thematisiert. Essstörungen sind derzeit ja ein richtiges Modethema, das hohes Ansehen genießt. Problematisch wird es nur, wenn im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen kleine Kinder und Babys ins Spiel kommen. In England waren es wieder Frauen aus der Mittelschicht, die mich am stärksten kritisiert haben. Für sie ist die Mutterschaft wie ein Vertrag, und laut dem hat man den Zustand nach der Geburt zu ertragen, ohne darüber zu sprechen. Sie argumentieren, als hätte es niemals Feminismus gegeben: Zurück ins Mittelalter, wir Frauen ertragen schweigend unser Leid. Ich habe Rachel ganz bewusst als Vertreterin der gehobenen Mittelschicht gezeichnet. Sie ist ökonomisch und sozial privilegiert, sie wünscht sich ein Kind und freut sich auf die Mutterrolle – und trotzdem wird sie auf so intensive Weise mit ihren eigenen Bedürfnissen konfrontiert. Vor der Schwangerschaft hatte sie ihr Leben komplett im Griff. Aber der Roman will zeigen: Wir können noch so souverän im Leben stehen, vor psychischen Aussetzern sind wir niemals sicher. Wäre meine Heldin eine alleinerziehende Mutter aus der Arbeiterklasse, ich bin mir sicher, der Roman hätte keinen Skandal ausgelöst. „Ich will schlafen!“ dokumentiert auch einen Machtverlust: Wissen sichert die Macht der Mittelschicht, aber wenn junge Frauen aus der Arbeiterklasse plötzlich besser mit ihrer Schwangerschaft zurecht kommen, dann nährt das den Verdacht, dass zu viel Wissen manchmal auch schlecht sein kann.

PAC: Es gibt ja immer wieder neuen Theorien, zur angeratenen Länge der Stillzeit etwa, die von den gehobenen Schichten als Herrschaftswissen verwaltet werden.
Helen Walsh: Und wenn diese Theorien versagen, kommt es zu Komplettzusammenbrüchen. Manchmal ist es eben doch besser, sich auf seinen Instinkt zu verlassen. Ab dem Moment, in dem ich aufgehört habe, Fachbücher zu lesen, lief es mit meiner Schwangerschaft wesentlich besser.

PAC: Das ist vielleicht auch ein Grund, warum dein Roman so viel Empörung ausgelöst hat. Du übernimmst nicht das vermeintlich angemessene Vokabular der Fachbücher, sondern schreibst mit deutlichen, harten Worten.
Helen Walsh: Als Mutter werde ich gezwungen, die Identität einer Mutter anzunehmen. Aber ich weigere mich, nur noch rosafarbene, flauschige Wörter zu verwenden. Bevor das Buch in England erschienen ist, habe ich für den Observer einen Artikel über Pornografie geschrieben, und in der Woche darauf, war eine ganze Seite mit erbosten Leserbriefen gefüllt. Vor allem Feministinnen haben mich für meinen Artikel angegriffen, und ich wollte sofort einen weiteren Artikel schreiben, der sich mit diesen Reaktionen auseinandersetzt. Doch der Oberserver war dagegen, und – schlimmer noch – auch meine Herausgeberin hat mir davon abgeraten. Sie meinte, ich könne nicht über Pornografie schreiben, wenn ich kurz darauf ein Buch veröffentliche, das sich mit meiner Mutterschaft beschäftigt. Da hatte ich verstanden: Als Mutter muss ich meine bisherige Identität löschen. Mütter dürfen bestimmte Dinge nicht sagen, schreiben oder denken. Ich musste an Kate Moss denken, die in England als das Paradebeispiel einer schlechten Mutter gilt. Sie hat diesen Ruf einfach nur, weil sie noch immer ziemlich viel ausgeht, dabei weiß keiner dieser Kritiker, wie das Verhältnis zu ihrer Tochter wirklich aussieht. Natürlich verwende ich für Rachel eine rohe Sprache. Aber so hat sie eben auch vorher gesprochen, und es gibt keinen Grund, warum sich das mit der Geburt ändern sollte.

PAC: Es ist erstaunlich, dass du ausgerechnet von Frauen aus der Mittelschicht und von Feministinnen am stärksten angefeindet wirst.
Helen Walsh: In England ist der dominierende feministische Diskurs wieder in den 70ern angekommen. Sie machen es sich wieder leicht und teilen die Welt in Mann und Frau, in Täter und Opfer, in schlecht und gut. Plötzlich demonstrieren Feministinnen wieder vor Stripclubs und wollen nicht einsehen, dass die Frauen dort eine Arbeit verrichten, die sich von anderen Jobs nicht unterscheidet. Frauen dürfen kein sexuelles Begehren verspüren, und Pornos sind eine Männerdomäne, die prinzipiell zu verteufeln ist. Ich definiere mich selbst als Feministin, und gerade deshalb wehre ich mich gegen diese vereinfachenden und überkommenen Sichtweisen. Ich bin in der queeren Gay-Community groß geworden, und bei dem Diskurs der Altfeministinnen steige ich schon allein deshalb aus, weil sie rein heterosexuell denken. Ich habe sehr früh eine lesbische Beziehung mit starkem Machtgefälle erlebt, in der die eine Partnerin ganz massiv Grenzen überschritten hat. Das hat mir gezeigt, dass die Verteufelung des Mannes keine Probleme lösen kann. Es gibt mittlerweile so viele schlaue Denkerinnen, aber sie werden von den Mainstream-Feministinnen niedergebrüllt, die weiter gegen Pornos kämpfen wollen. Und ich habe mit meinen Romanen ganz ähnliche Probleme, da viele Altfeministinnen in der Literaturkritik arbeiten. Sie meinen, sie kritisieren meine Bücher von links, dabei kann ich mir kaum einen konservativeren als ihren geistigen Standort vorstellen.

PAC: Bei Musikern wird oft gesagt, sie werden langweilig, so bald sie Kinder bekommen. Selbst dann, wenn sie diese Tatsache in ihren Songs verschweigen und nicht von neuer Erkenntnis und einem neuen Lebenssinn faseln. Diese Annahme geht davon aus, dass man als Elternteil zu gesetzt und zu ausdefiniert ist, um bewegende Kunst zu schaffen. Dass man nicht mehr auf der Suche ist. Demnach müsstest du mit deinem nächsten Roman auch große Probleme bekommen …
Helen Walsh: Ohne Zweifel saugen Kinder kreative Energie ab. Auf der einen Seite ist das natürlich ganz wundervoll, auf der anderen ist es auch gefährlich. Man liebt sein Kind und am liebsten möchte man diese Liebe mit der ganzen Welt teilen, sie jedem mitteilen. Das ist für den Künstler verständlich, für den Rest der Welt aber eher unangenehm. Aber es gibt auch Gegenbeispiele. Ich bin immer wieder überrascht, wenn ich mir bewusst mache, dass Thom Yorke Vater ist. Er hat die Spielregeln verstanden, er weiß, dass Radiohead-Fans nicht daran interessiert sind, Geschichten über sabbernde Kleinkinder auf seinem Schoß zu hören. Natürlich haben es Musiker da besonders schwer. Sie werden als Ikonen verklärt und Fans betrachten Lieblingsmusiker als Eigentum. Wenn diese Lieblingsmusiker aber Kinder haben, gehören sie zu jemand anderen, sie sind nicht mehr Eigentum der Fans. Mit 17 war ich genauso: Wenn meine Lieblingsmusiker über Elternschaft gesprochen haben, dann war das uncool und ein Ausverkauf. Als Schriftstellerin sehe ich meinen Sohn als Herausforderung: Wenn ich mich bestimmten Rollenzuschreibungen nicht beuge, heißt das nicht, dass ich mein Kind nicht liebe. So wie Rachel ihre Sprache nach der Geburt beibehält, werde auch ich jetzt nicht plötzlich rosafarbene Bücher schreiben. Der Roman, an dem ich gerade arbeite, ist jedenfalls ziemlich düster. Und verdammt sexy.

„Ich will schlafen!“ ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Im Mai kommt Helen Walsh für zwei Lesungen nach Deutschland:

23. 5. Hamburg, Literaturhaus

24. 5. Berlin, Volksbühne

 

Fotos Helen Walsh: Jenny Lewis

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