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Tierblut und Sperma

by Carsten on 26. März 2012 · 0 comments

in Über Lesen

Seine Helden heißen immer Benjamin. »» Und sie holen sich gern einen runter. Und wenn in einer Geschichte ein Tier auftaucht, kann man sich ziemlich sicher sein, dass es das Textende nicht erleben wird. Darauf muss man nicht unbedingt stehen, doch PAC würde Benjamin Maack noch ganz andere Neigungen durchgehen lassen, gehört doch sein dritter Textband „Monster“ zu dem besten, was man hierzulande an Kurzprosa zu lesen bekommt.

PAC: Benjamin, wenn man in den fünf Erzählungen deines neuen Buchs „Monster“ mal die Sexszenen und die Textstellen, in denen gewichst wird, zusammenzählt, dann gewinnen die Onanierszenen ziemlich deutlich. Sagt uns das etwas über dich?
Benjamin Maack: Kann ich nicht so genau sagen, weil ich das gar nicht so auseinander dividieren würde. Das sind halt alles Sexszenen, manchmal mit sich selbst und manchmal mit jemand anderen. Wobei ja auch die Leute, die Sex mit anderen haben, dabei total allein sind. Insofern unterscheiden die sich gar nicht so groß.

PAC: Ganz schön trostlos, oder?
Benjamin Maack: Trostlos ist es. In der Geschichte „Atavismen“ sind ja die meisten Onanierszenen, und irgendwann habe ich meine Frau angerufen: Du, ich schreibe hier gerade an einer Geschichte, und wenn ich die veröffentliche, dann halten mich alle für irre, und ich weiß gar nicht, ob ich die so rausbringen kann, aber ich kann die Szenen auch nicht streichen, die müssen da alle drin sein. Und sie hat dann geantwortet: Ja, äh, weiß ich auch nicht. Warum stehen die denn da drin? Und das konnte ich ihr dann auch nicht beantworten. Also, zwischenzeitlich hat mich das auch schon mal in Panik versetzt. Es ist ja so, dass die Sachen, die in dem Buch passieren, mich beim Schreiben auch berühren. Ganz stark. Und wenn ich eine Onanierszene schreibe oder den Figuren etwas Schlimmes passiert, dann bin ich auch immer in der Bredouille, weil ich dann denke: Oh Mann, das kannst du denen doch nicht antun, das darf doch jetzt nicht passieren. Und gleichzeitig denke ich, dass das jetzt einfach passieren muss.

PAC: Unschön auch, wie du in deinen Erzählungen mit Tieren umgehst. Das sind ja schon Splatterszenen …
Benjamin Maack: Willst du mir jetzt ein Totes-Tier-Faible anhängen? Ja, mit den Tieren verhält es sich ein bisschen so wie mit den Solo- und den Zusammen-Sexszenen. Was zwischen den Tieren und den Menschen passiert, das ist ja immer so eine Art gescheiterte Kommunikation. Eigentlich ist es ja so, dass Mensch und Tier nicht besser kommunizieren können als die Menschen untereinander. Das potenziert natürlich die Einsamkeit der Charaktere. Deswegen gibt es eine Menge Tiere, und eine Menge toter Tiere gibt es, weil es auch interessant zu sehen ist, wie man vielleicht ein inniges Verhältnis zu etwas aufbaut, was vielleicht schon tot ist. Oder was gar nicht menschlich ist. Vielleicht kann man auch die Einfachheit dieses Tierseins schätzen lernen und sich ein bisschen darin verlieben. In die Idee von Einfachheit verliebt es sich ja einfacher als in die Idee von Tieren.

PAC: Die erste Geschichte „Viel schlimmer als die dunklen Räume sind die spiegelnden Fenster“ dominiert den ganzen Erzählband, weil sie deutlich länger ist als der Rest. Ist das der Anlauf zu einem Roman?
Benjamin Maack: Ein Freund von mir hat vorgeschlagen, ich solle noch 50 Seiten mehr schreiben und das Ding dann alleine veröffentlichen. Die Geschichte setzt auch ein bisschen den Ton für das Buch, aber mir ging es tatsächlich nicht darum zu versuchen, einen Roman zu schreiben, und das ist dann gescheitert. Sondern ich wollte eine Geschichte schreiben, die sehr dominant ist und dann sollte ich anfangen, dieses in sich geschlossene System dieser Geschichte zu zerbrechen. Das Bild, das ich vor Augen hatte als ich das Buch geschrieben habe, ist ein Spiegel, den man auf den Boden fallen lässt. Ich wollte mir die Scherben angucken, ich wollte mir angucken, was sich ergibt.

PAC: Unter anderem hat man dann den fünffachen Benjamin.
Benjamin Maack: Genau, alle meine Protagonisten heißen Benjamin. Das war aber auch schon bei meinem letzten Erzählungsband so. Ich hab für mich diese bestimmte Art gefunden, Geschichten zu erzählen. Ich bin immer sehr gemein mit meinen Figuren. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich muss mich vor meine Protagonisten stellen. Es sollte nicht so wirken, als wäre da einfach nur jemand, der es cool findet, seinen Protagonisten etwas gemeines anzutun, sondern da ist jemand, der fühlt mit ihnen und der steckt in jeder der Geschichten drin, ohne dass die Geschichten von ihm handeln würden. Und jetzt in diesem Buch ist es so, dass ich versucht habe, mit diesem Motiv des Ganz-oft-Benjamin-Habens noch mehr zu machen. Da sind wir wieder ein bisschen bei dem zerbrochenen Spiegel. Es geht darum, ein Zerrfeld zu schaffen, wo die Geschichten ausfransen. Auf eine Art sollen sich die Geschichten und die Realität an den Rändern vermengen. Man soll nicht das Buch lesen und es dann zuklappen, sondern das Buch soll ein bisschen darüber hinaus reichen. Das Buch soll seine Tentakel ausfahren.

PAC: Erzählst du deswegen zwischen den einzelnen Erzählungen auch schlechte Witze?
Benjamin Maack: Ach, ich finde, Tragik ist auch immer komisch. Mit den Motiven von Schuld und Tragik wollte ich arbeiten. Diese Witze sind ja eigentlich ein Triptychon, das sich durch das Buch hindurchzieht, ein Schuldtriptychon. Es ist der Versuch, etwas abzuwiegeln, was sich aber nicht abzuwiegeln lässt. Ich nehme Anlauf für einen Witz, der sich dann aber total gegen mich kehrt. So ist es ja häufig, wenn man etwas bei sich witzig zu finden versucht, dann wendet es sich plötzlich gegen einen. Und umgekehrt: Wenn man das Gefühl hat, irgendwas wendet sich schrecklich gegen einen, dann ist das eigentlich ein komischer Moment. Es ist ein Klischee, aber es ist wohl so, dass Tragik und Komik einfach sehr nah beieinander liegen. Mein Buch ist der Versuch, das ein bisschen zu reflektieren und zu gucken, was man da machen kann.

PAC: Wenn du die Tragik und die Trostlosigkeit abzumildern versuchst, dann hast du prinzipiell schon ein schlechtes Gefühl dabei, die Geschichten in die Welt zu entlassen, oder?
Benjamin Maack: Ich habe eher das Gefühl gehabt, dass der Humor in dem Buch es vielleicht noch schwerer macht. Mein letztes Buch „Die Welt ist ein Parkplatz und endet vor Disneyland“ besteht aus Geschichten, die davon zusammengehalten wurden, dass alle Protagonisten Benjamin heißen. Alles spielt in gewisser Weise in einer Jugendwelt. Ich hatte damals das Gefühl, man kann das Buch gut zuklappen, und dann hat man eine Schatzkiste, in der die einzelnen Teile eine Einheit bilden. Bei diesem Buch war es jetzt aber so, dass ich die halbe Nacht nicht schlafen konnte, als ich das erste Exemplar auf meinen Nachttisch liegen hatte. „Monster“ flößt mir schon ein bisschen Respekt und Angst ein. Normalerweise bin ich ein totaler Kontrollfreak, aber jetzt habe ich versucht, eine poetische Struktur in das gesamte Buch zu flechten und die Texte miteinander zu verbinden. Das ist vielleicht nicht rasend komplex, aber doch zumindest so komplex, dass sich die Bedeutung dieser Struktur meinem Horizont entzieht. Laut Klischee weiß der Autor immer ganz genau, warum jeder Satz an der jeweiligen Stelle steht. Aber in Wahrheit ist es ja so: Der Autor schreibt das Buch und ist damit den halben Weg der Strecke gegangen. Und die andere Hälfte geht immer der Leser. Der Leser macht mit den Geschichten ja ohnehin, was er will. Deswegen habe ich versucht, die Handbremse einfach mal loszulassen und das Auto den Berg runterrollen zu lassen, um dann zu gucken, wo man ankommt. Das finde ich aufregend an dem Buch. Es ist ein Experiment, das mich viel Mut gekostet hat.

PAC: Jetzt könnte man die Erzählungen auch sehr gut als Generationserklärer abfeiern, schließlich stecken in ihnen ja schon jede Menge gegenwartssatte Gefühlslagen. Aber dann hättest du vermutlich erst recht schlechte Träume, oder?
Benjamin Maack: Das finde ich für Literatur generell durch dreiviertel interessant. Eigentlich möchte ich Bilder schaffen, die man auch in 100 oder 200 Jahren noch lesen kann. Natürlich ist das total überheblich, aber dafür macht man das ja eigentlich. Man hofft zumindest, dass man etwas schafft, was bleibt. Deswegen ist es für mich nicht so wichtig, Gegenwart zu transportieren. Spannender ist grundsätzlich Menschliches.

PAC: Wird es denn nun auch mal einen Benjamin-Roman geben?
Benjamin Maack: Es wird einen Roman geben, aber keinen Benjamin-Roman. Ich habe das Gefühl, dass ich die Grenzen dieser Benjamin-Konstruktion ausgereizt habe. Jetzt will ich mich lieber so langsam an eine längere Form rantasten. Dabei denke ich nicht: Ich schreibe einen Roman, yeah! Sondern es klingt eher so: Oh Mann, da hast du dir aber etwas vorgenommen, versuch das mal. Meine Art zu schreiben ist ja eher wie ein Tasten in einem dunklen Zimmer. Ich setze mich nicht mit dem Vorsatz an den Schreibtisch, eine schöne Geschichte zu schreiben. Es dauert immer ziemlich lange, bis ich mich überhaupt traue, mit einer Geschichte anzufangen. Vorher müssen da schon Bilder im Kopf sein, die noch nicht so konkret sind. Dann schreibe ich den ersten Absatz, gucke mir den an und überarbeite ihn. Irgendwann komme ich dann vielleicht zum zweiten Absatz. Auch für ganz kurze Geschichten brauche ich zum Teil anderthalb Jahre. Ich will einfach, dass jeder Satz für mich stimmt, und das ist etwa bei dieser 75-Seiten-Geschichte in „Monster“ schon schwierig gewesen. Da musste ich schon lernen loszulassen, und das wird natürlich bei einem Roman noch schwieriger. Mit meiner Arbeitsmethode komme ich da nicht weit, ich werde eine neue entwickeln müssen. Was auch bedeutet, dass ich meine Erzähltricks hinterfragen muss. Ich bin gespannt auf die Herausforderung, und ich glaube, in nächster Zeit wird sich da was bewegen.

PAC: Du bist ein ziemlich fleißiger Vorleser und ständig auf Lesereise. Inwieweit hat denn die Aufführbarkeit einen Einfluss auf die Textproduktion?
Benjamin Maack: Wenn ich meine Geschichten lese, möchte ich nicht langweilen. Deswegen versuche ich, so gut wie möglich vorzulesen. Aber natürlich möchte ich, dass die Geschichten ohne mich existieren können. Die einzelnen Texte sind ja auch gar nicht so wie das Ganze, und das ganze Buch vermittelt sich ja auch gar nicht in einer Lesung. Auf keinen Fall schreibe ich Texte darauf hin, dass sie als Performance funktionieren. In meinen Texten sollen Sinn und Ernsthaftigkeit drinstecken.

„Monster“ ist bei Mairisch erschienen.

 

Foto Benjamin Maack: Benne Ochs

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