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feel.bad.buch

by Carsten on 24. März 2012 · 0 comments

in Über Lesen

Warum soll man sich literaturgewordene Depressionen antun? »» In ihrem dritten Roman „Der kleine Rest des Todes“ erzählt Ulla Lenze (Foto: Laura J Gerlach) von Ariane, die in ihrem Schmerz nach dem Unfalltod des Vaters weit über die Grenze zur Selbstzerstörung hinausgeht: Verwahrlosung, zwei an die Wand gefahrene Beziehungen, Apathie, grenzenloser Egoismus im Leid. „Endlich hat sich mal jemand in einer solchen Situation nicht so benommen, wie es alle erwarten und wie es sein sollte“, jubelt Ulla Lenze im Interview mit PAC. Und wir stimmen zu: Wer ihren Roman erträgt, wird belohnt.

PAC: Ulla, wir mögen deinen neuen Roman sehr, aber verschenken würden wir ihn nicht. Das muss schon jeder selbst entscheiden, ob er sich auf dieses düstere und depressive Buch einlassen mag. „Der kleine Rest des Todes“ ist ein Roman, der wehtut.
Ulla Lenze: Ich nehme es als Kompliment, dass das Buch wehtut. Aber es stimmt schon, Trauer und Abschied sind Themen, die man niemanden verordnen kann. Es wäre aufdringlich, das jemanden auch nur anzubieten,  da muss man schon selbst drauf kommen. Wobei der Roman ja auch noch andere Themen behandelt. Es geht nicht nur um Trauer, es geht auch um die Frage der Verantwortung und der Verpflichtung anderen gegenüber. Wo verläuft die Grenze? Meine Protagonistin steckt ja in einer Krise und kann diese Grenze gar nicht mehr selbst erkennen. Sie weiß nicht, wann sie den eigenen Kummer zurückhalten sollte und wann sie sich anderen anvertrauen kann. Das kollidiert in dem Roman ja ganz schön, die Heldin kriegt ziemlich viel Gegenwind.

PAC: Der Vater deiner Protagonistin Ariane stirbt bei einem Flugzeugabsturz, und mit diesem Verlust werden ungelöste Probleme für Ariane fühlbar. Die Trauer dient als Ventil für weitere Konflikte in ihrem Leben.
Ulla Lenze: Man kann das sehr unterschiedlich bewerten, was in der Lebensphase vor dem Vatertod bei Ariane passiert. Sie zieht sich ja aus dem Leben zurück. Ariane ist Doktorandin, sie promoviert über ein Thema, das gerade nicht besonders hip und chic ist an der Uni. Und sie hinterfragt ihre Motive, was ich eigentlich auch ein Zeichen von Stärke und Mut finde. Sie ist ja Anfang 30, und da sollte man eigentlich wissen, was man will. Das wird von den anderen erwartet. Aber Ariane hält noch mal inne, sie trennt sich von ihrem langjährigen Freund, nicht weil sie Streit miteinander haben, sondern weil sie auch da ins Zweifeln gerät. Sie will sich noch einmal ganz aus allem rausziehen und geht für ein halbes Jahr in ein zenbuddhistisches Kloster. Natürlich verändert sich alles durch den Vaterverlust: Auf einmal macht das Leben ernst. Diese Veränderungen vorher, die wurden ja freiwillig und auch mutwillig vorgenommen. Sie sind in gewisser Weise ja auch virtuell, vielleicht könnte man sie rückgängig machen. Aber auf einmal macht das Leben ernst, und es kommt ein Verlust, der final ist. Jetzt muss sie ihr Leben noch mal völlig ernst überdenken und die Beziehungen zu anderen Menschen auf ihre Wahrhaftigkeit abklopfen. Da macht sie bittere Entdeckungen, und es ergibt sich eine Figurendynamik, eine Kettenreaktion an Ereignissen. Je mehr Ariane Druck macht, sich Blöße gibt und sich auch entblößt, desto mehr erschreckt sie die anderen, die sich daraufhin zurückziehen.

PAC: Ganz generell geht es für deine Protagonistin um den Verlust von Sicherheiten. Etwas, von dem man gedacht hat, man könne in Notsituationen immer darauf zurückgreifen, ist plötzlich einfach nicht mehr da. Für Ariane ergeben sich Verbindungslinien: Die beste Freundin, die sich in der Kindheit von Ariane abgewendet hat, der Tod des Vaters, das Scheitern der langjährigen Beziehung, von der sie gedacht hat, dass zumindest ein enges Vertrauensverhältnis bleibt …
Ulla Lenze: Möglicherweise hat sie sich einfach die falschen Freunde ausgesucht. Hahaha, aber das ist schon eine mögliche Erklärung. Wobei ja eigentlich alle Figuren logisch und nachvollziehbar handeln. Selbst Leander, dieser Geliebte, der eine Freundin hat und sich nicht auf Ariane einlassen will. Für Ariane geht es um die Entdeckung, wie sehr wir andere brauchen, um wir selbst sein zu können. Wie sehr wir uns anderen verdanken. Sehr fundamentale Stützen brechen weg, und über allem steht das Verhältnis zu den Eltern. In Arianes Fall ist es ein positives Verhältnis, aber sogar in negativer Bezüglichkeit ist das Elternverhältnis identitätsbildend. Ein Elternteil zu verlieren, kann immens verunsichernd sein. Nachdem sie vorher bereits ihr Leben ein bisschen leer geräumt hat, bricht jetzt alles weg. Sie kommt aus dem Kloster zurück und plötzlich ist nichts mehr da.

PAC: Das wirkt fast so, als wolltest du dieses In-sich-Gehen, das so beliebte Alles-auf-Null-Drehen und Sich-neu-Erfinden ironisch kommentieren, indem du Ariane nach ihrer Kloster-Phase mit einem wirklichen und unwiderruflichen Wendepunkt konfrontierst.
Ulla Lenze: Genau, das hat mich interessiert. In unserer Kultur gibt es unendlich viele Möglichkeiten, alles ist ein Ausprobieren, weil man ja immer auch dies und das noch probieren kann. Der Kontrast dazu ist die existenzielle Erfahrung eines Todesfalls. In dem Alter sind die Eltern ja in der Regel noch da und vielleicht 50, 60 oder 70 Jahre alt. Mich hat interessiert, wie sich diese Hauptfigur verhält, wenn sie tatsächlich mal nicht vorbereitet ist. Aber natürlich halte ich Ariane zugute, dass sie vorher schon eine Art Instinkt entwickelt hat, dass es besser wäre, noch mal alles zu überprüfen. Nicht zufällig geht es ja auch in ihrer Doktorarbeit um ein so abgefahrenes Thema wie Negation bei Hegel, Adorno und im Zen-Buddhismus. Da geht es ja immer um die Identität, Negation als Identitätsschaffer. Diese Hauptperson scheint sich also schon vorher gefragt zu haben, wer sie eigentlich ist. Durch den Todesfall wird das katalysiert, es wird noch einmal mehr erzwungen, dass sie sich diesen Fragen stellt. Zumindest landet sie zunächst in einer kompletten Leere und in einem kompletten Schmerz.

PAC: Dabei überschreitet sie aber die Grenze zum Pathologischen und betreibt radikale Selbstzerstörung.
Ulla Lenze: Meiner Meinung nach führt kein Weg an der Trauer vorbei, man muss da durch. Wir sind so gewohnt, uns abzuschauen, wie Gefühle zu funktionieren haben. Hier haben wir eine Figur, die sich ganz dem Schmerz stellen kann, weil sie keine anderen Verpflichtungen hat. Und ich glaube, die Tiefe von Trauer zeigt auch die Fähigkeit eines Menschen, eine Bindung eingehen zu können. Das Verwahrlosen etwa, Ariane wird ja zum Messie, das ist ja eine Symptomatik, bei der man erstmal zu sagen geneigt ist, dass das so nicht sein sollte. Aber ich finde das sehr konsequent. Das sollte möglich und erlaubt sein. Mich stört dieses Skript, in dem steht, wie wir uns in den jeweiligen Situationen zu verhalten haben. Wenn in einem Spielfilm eine Frau ihren Mann verliert, dann weint sie natürlich zum richtigen Zeitpunkt. Dann kommt zum richtigen Zeitpunkt der richtige Mann, der ihr den richtigen Trost spendet. Sie gerät noch mal ins Zweifeln, aber am Ende kommt ihr dann auch alles richtig vor, und sie kann ein neues Leben beginnen. Meine Heldin widersetzt sich dem. Sie ist unfähig, sich zur richtigen Zeit zusammenzunehmen. Sie kann nicht nach diesem Skript trauern. Es gibt ja eine regelrechte Bestattungsindustrie. Die vielleicht auch ihre Berechtigung hat, denn in solchen Situationen kann es ganz wichtig sein, dass es geregelte Abläufe gibt. Aber trotzdem steckt darin auch eine Grundabsurdität: Der Mensch ist erst zwei Tage tot, aber ich muss jetzt entscheiden, ob ich einen Sarg aus Buche oder aus Eiche nehme. Das, was man da bürokratisiert und zu verhandeln versucht, ist nicht verwaltbar. Der Tod ist etwas so entgrenzendes, dass auch eine entgrenzende Reaktion darauf plausibel ist.

PAC: Du plädierst für das konsequente Ausleben von Trauen und Schmerz, egal, wie selbstzerstörerisch es wird?
Ulla Lenze: Arianes Affäre Leander sagt ja zu ihr: Du kannst doch so nicht weitermachen, du brauchst jetzt mal einen Plan. Aber das kommt von außen, das ist so fremdbestimmt. Die innere Logik ist für Ariane einfach anders. Die Kaffeemaschine ist explodiert, ihre Wände sind voller Kaffeepulver, der ganze Wohnungsinhalt ist auf den Boden ausgebreitet, sie übernachtet unterm Fester ihres Liebhabers und macht sich in die Hose, sie stinkt nach Urin: Alles ist ganz schlimm, aber irgendwie ist es wichtig und richtig. Ich war beim Schreiben selber überrascht, dass mir das gefallen hat. Endlich hat sich mal jemand in einer solchen Situation nicht so benommen, wie es alle erwarten und wie es sein sollte.

PAC: Instinktiv hat dich ihr Verhalten zunächst nicht erschreckt, alarmiert oder abgestoßen?
Ulla Lenze: Ich brauchte eine gewisse Zeit, um überhaupt in diesen Schreibraum zu kommen, in dem die Figur lebendig und frei wurde. Es hat eine Weile gedauert, bis sie sich von mir und meinen Vorstellungen gelöst hat. Danach habe ich aber das Schreiben so erlebt als ob ich ein Buch lesen würde. Ich war überrascht von dem, was passierte, und es hat mich gefreut, dass sie diese Dinge unternimmt. In dem Roman gibt es ja auch noch diese Freundin, eine Aussteigerin, die in einem Van lebt. Die ist insofern eine ganz wichtige Figur, als dass sie ja den sozialen Abstieg bereits darstellt. Das passt der Ariane dann aber auch nicht, so weit will sie dann doch nicht sinken. Vielleicht beneidet Ariane sie ein bisschen um diese Freiheit, denn sie kann mit ihrem Bus ja überall hinfahren, sie ist eine Straßenkünstlerin. Aber Ariane hat dann doch noch einen anderen Anspruch. Sie will ja schon mitmachen und Teil der Gesellschaft sein.

PAC: Inwiefern war für den Roman denn wichtig, dass im Mittelpunkt die berüchtigte Vater-Tochter-Beziehung steht, die ja eine lange Tradition hat?
Ulla Lenze: Es gibt ja den Typ der Papakinder bzw. Vätertöchter, und Ariane zählt auf jeden Fall dazu. Ich glaube auch nicht, dass generell die Bedeutung der Vaterfigur nachlässt. In meinem Freundeskreis beobachte ich, dass damit immer eine existenzielle Wucht einhergeht, und auch bei der Partnerwahl spielt das Verhältnis zum Vater nicht selten eine Rolle. Für mich war mein Vater auch sehr wichtig und sehr prägend, und ich habe meinen Vater auch verloren. Im Roman haben wir ja einen sehr behütenden und sehr besorgten Vater. Nach und nach wird klar, dass er sie auch finanziell unterstützt hat. Daraus ergibt sich auch das praktische Problem, dass sie kein Geld mehr hat. Sie kann die Rechnungen nicht bezahlen, der Strom wird ausgestellt, und sie sitzt im Dunklen. Ariane hat sich auf den Vater verlassen. Und ihr Verhältnis war wohl auch ein symbiotisches: Der Vater hat es gebraucht, der Tochter Gutes tun zu können. Gegen Ende des Buches wird ja ein sehr entscheidendes Telefonat zwischen den beiden erzählt, wodurch sich eine dunkle Bedeutungsebene in das Buch hineinmischt. Faktisch war der Tod des Vaters zwar kein Selbstmord, aber auf eine gewisse Art und Weise könnte eine Lebensmüdigkeit dagewesen sein. Dabei geht es darum, die Tochter frei zu lassen, sie in ihr Leben gehen zu lassen.

PAC: Obwohl es diese starke Vater-Tochter-Beziehung gibt, sind es bisher fast ausschließlich Männer, die über das Vatersterben geschrieben haben.
Ulla Lenze: Ich weiß auch nur Beispiele von männlichen Autoren, die über den Vaterverlust geschrieben haben. Wenn man mal gründlich recherchiert, wird man bestimmt etwas finden, aber ich habe kein Vorbild gehabt. Insofern konnte ich da für mich eine Lücke schließen.

PAC: Ist es für dich denn besonders schwer, mit diesem sehr persönlichen Roman umzugehen?
Ulla Lenze: Das Buch hat einen autobiografischen Hintergrund, aber vieles ist natürlich fiktiv. Ich habe meinen Vater auch durch einen Unfall verloren, und wenn ich über dieses Buch rede, werde ich damit konfrontiert, selbst wenn ich es professionalisiere. Andererseits habe ich bei Lesungen jetzt auch schon sehr gute Gespräche gehabt. Es kommen ja auch die entsprechenden Leute, keiner erwartet einen Fantasyroman oder einen Krimi. Bei den Lesungen bisher herrschte eine dichte und konzentrierte Atmosphäre, und es war nicht schmerzhaft, sondern lustig. Komischerweise wurde viel darüber gelacht, wie Ariane zu einer Trauerterroristin wird, und ich finde es angenehm, dass dieser Humor nicht unterschlagen wird.

PAC: Hat dieses Buch dir denn beim Verarbeiten des Vaterverlusts geholfen?
Ulla Lenze: Absolut nicht. Zugegeben bin ich anfangs mit dieser Naivität an den Roman rangegangen, aber mir war sehr schnell klar, dass ich eine künstlerische Antwort auf dieses Ereignis finden will. Lange Zeit hatte ich große Schwierigkeiten, eine geeignete Form zu finden, bis ich gemerkt habe, dass es zwei komplett unterschiedliche Prozesse sind: der persönliche Verarbeitungsprozess und der Schreibprozess. Was immer man in dem einen erreicht, das kann in dem anderen nicht gutgeschrieben werden. Heilsam an dem Buch war für mich das künstlerische Tun selbst. Jeder andere Stoff hätte das auch erbracht. Ich konnte das Thema nicht ignorieren, die Dringlichkeit hat mir geholfen, aber der Roman ist keine Aufarbeitung.

„Der kleine Rest des Todes“ ist bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen.

Foto Ulla Lenze: Friedrich

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