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Verzweifelter Ficker

by Carsten on 5. März 2012 · 0 comments

in Über Sehen

Überall wird der zweite Film des bildenden Künstlers und Turner-Preisträgers Steve McQueen geliebt. »» Völlig zu Recht, denn „Shame“ ist ein hochästhetisches wie beklemmendes Psychogramm eines Sexsüchtigen. Auch der Goldene Löwe für Hauptdarsteller Michael Fassbender bei den Filmfestspielen in Venedig geht in Ordnung, denn es ist vor allem seine schauspielerische Leistung, dank der Regisseur McQueen all den Schmerz seines verzweifelten Fickers sichtbar machen kann. Und trotzdem bleiben da nach dem Kinogang noch zwei oder drei kleine Fragen: Was genau willst du uns denn nun eigentlich mit „Shame“ sagen, Steve McQueen? Ist dein Film letztendlich nur ein moralischer Zeigefinger, für den die katholische Kirche jeden noch so hohen Förderbetrag springen lassen würde? Und offenbart sich in dem hochdramatischen Finale nicht ganz platte Schwulenfeindlichkeit?

Brandon (Michael Fassbender) ist ein New Yorker Erfolgsmensch: Er sieht gut aus, verdient als Werber verdammt viel und hat Erfolg bei Frauen. Blickt man jedoch hinter die Hochglanzfassade, erkennt man ihn als Getriebenen, dessen Gedanken einzig und allein ums nächste Abspritzen kreisen. Er wichst auf dem Büroklo, haut seine Festplatte mit Pornos voll, holt sich Prostituierte für durchchoreografierte Ficks nach Hause und nimmt eine Barbekanntschaft am liebsten gleich eine Hausecke weiter. Brandon verbarrikadiert sich hinter emotionslosem Sex und lebt das Wertesystem einer Pornowelt. Da verwundert es auch nicht, wenn er beim Date mit einer Arbeitskollegin, die mehr als nur Objekt und Fickloch für ihn ist und bei der dann doch Emotionen im Spiel sind, plötzlich keinen mehr hoch bekommt. Und es verwundert noch viel weniger, dass ihn dieses Versagen bis ins Mark erschüttert, so dass er die Arbeitskollegin nicht mal mehr anschauen geschweige denn mit ihr reden kann.

Völlig ins Wanken gerät Brendons Welt, als seine Schwester (Carey Mulligan) unerwartet bei ihm auftaucht, um ein paar Tage in seiner Wohnung zu übernachten. Wie Brendon hat auch sie ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität, nur eben genau entgegengesetzt: Während sein nicht vorhandenes Selbstwertgefühl dafür verantwortlich ist, dass er zwischenmenschliche Nähe in keiner Form erträgt, will sie sich bis zur Selbstaufgabe binden und sucht bei anderen nach Rettung. Bedankenswerterweise verzichtet McQueen darauf, in ihrer Kindheit auf Ursachenforschung zu gehen und krude Kausalitäten aufzustellen. „Wir sind keine schlechten Menschen, wir kommen nur von einem schlechten Ort“, spricht Sissy ihrem Bruder einmal auf den Anrufbeantworter. Weitere Hinweise erhält der Zuschauer nicht.

Doch so ansprechend der Film auch inszeniert ist, etwa ab der Mitte hat man die Psychologie des Geschwisterpaares erfasst, und trotz des Bilderrausches sind da Längen, weil die Geschichte auf der Stelle tritt. McQueen wiederholt sich nur noch mit immer dramatischeren Szenen und vor allem mit immer pathetischeren Musikeinsatz, wodurch er seine Message zunehmend verflacht: Rumficken ist nicht gut. Und dann ist da die folgenschwere Nacht, Brendons konsequenter Absturz: Während die Schwester um die Zuneigung des Bruders bettelt und wenigstens das Gespräch mit ihm braucht, zieht es ihn raus in die Nacht, auf Ficktour. Er wird zusammengeschlagen, weil er die Freundin eines bulligen Typen für dessen Geschmack etwas zu explizit anmacht. In seiner Verzweiflung geht er in einen Schwulenclub, hat Sex mit einem Mann, und die Musik steuert auf ihren dramatischen Höhepunkt zu, weist darauf hin, dass Brendon jetzt ganz unten angekommen ist. Klar, die Schwulen ficken ja eh alle rum. Und interessant auch der Gegensatz, den McQueen aufmacht: Während er den Heterosex zuvor immer unglaublich clean und geleckt inszeniert hat, ist der Schwulenclub ein dreckiges Kellerloch. Es passiert während dieses Männerficks, und anschließend ist da auch noch ein Dreier, den Brendon mit zwei Prostituierten durchzieht und den McQueen besonders ausgiebig, besonders kalt, besonders unerotisch einfängt: Schwester Sissy schneidet sich die Pulsadern auf. Und am Ende kann dann nur noch die Frage stehen: Wird Brendon geläutert und erkennt, dass reines Rumficken nicht gut ist? Und so chic das auch alles bei McQueen inszeniert ist, bestenfalls ist es immer noch ein bisschen wenig.

„Shame“ von Steve McQueen läuft seit dem 1. März im Kino.

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