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Was nützt die Demo in Gedanken?

by Marten on 14. Februar 2012 · 0 comments

in Über Denken, Über Reden

Als jemand, der seine trostlosen Tage vor den Rechnern seines Vertrauens verbringt, wähne ich mich einigermaßen gut informiert. »» Gut informiert über die politische Großlage im Allgemeinen wie im Speziellen darüber, was das Anti-Counterfeiting Trade Agreement in seinem Kern bezwecken soll (nein, ich werde das jetzt nicht erklären, Erklärung gibt es an anderer Stelle mehr als genug). Ich rege mich häufig aber still über mir unliebsame Sachverhalte auf, garantiert über Stammtischniveau. Trotzdem fühle ich mich meistens zu unreflektiert, als dass ich meine Meinung einfach hinausposaunen könnte.

Eine Form des Ausdrucks finde ich allerdings in der Demonstration. Wenn ich, so wie es am vergangenen Samstag in Leipzig (Anti-ACTA-Demo) und gestrigen Montag in Dresden (Blockade des Naziaufmarschs) der Fall war, einer Demonstration beiwohne, lasse ich mich zwar selten richtig mitreissen, empfinde aber gleichsam eine gewisse Euphorie, an etwas Wichtigem und Richtigem beteiligt zu sein. Dieses Gefühl zog sich noch mehr durch den gestrigen Tag als durch den Samstag. Indem wir förmlich Aug’ in Aug’ mit dem Feind standen, durch gewisse Liveticker ständig informiert darüber, inwiefern die Blockaden der Demoroute der Nazis erfolgreich waren oder nicht, erhielt die pure Anwesenheit eine immense Wichtigkeit. Wir setzten ein Zeichen, oder sowas in der Art. Beinahe enttäuscht war ich daraufhin, als in Berichten der Tagesschau oder der Süddeutschen diese Blockaden nicht mal erwähnt wurde. Und irgendwie fassungslos, dass es am Ende doch knapp 2000 Nazis waren, die uns da gegenüber rumspukten (denn gesehen haben wir davon keinen einzigen – zum Glück), so fassungslos, wie ich angesichts solchen Gedankenguts immer wieder werde, weil diese sich meiner Vorstellungskraft entziehen.

Aber gegen Nazis zu sein ist eine leichte Übung und dementsprechend breit sozialisiert waren auch die Mitdemonstranten – hier macht es nichts, wenn die Parolen erstmal über ein einfaches “Nazis raus!” nicht hinwegkommen, hier zählt das engagierte und unerbittliche Entgegentreten. Schwieriger wird es, wenn gegen ausufernden Kapitalismus, den raffgierigen Finanzsektor oder verfehlte Politik demonstriert werden soll. Oder eben gegen ACTA. Weil dort das Themenfeld nicht so leicht zugänglich ist. Wer darf denn noch wirklich von sich behaupten, er verstünde die Zusammenhänge, die hinter der Finanzkrise stehen? Wer erklärt mir den Euro-Rettungsschirm, wer hat ACTA, SOPA oder PIPA gelesen? Es braucht Verkürzungen oder Verallgemeinerungen, um aus der Ohnmacht, die einen befällt, wenn man unwissend vor diesen Problemfeldern steht, zur Aktion zu kommen. Genau das ist, unter anderem, am Samstag passiert. Da lief meinem Empfinden nach der halbe Jahrgang 1994 unter anderem darum mit, weil es um deren und meinen natürlichen Lebensraum geht, weil man ein Zeichen setzen muss, für ein freies Netz (und nicht etwa zur Beführwortung von Diebstahl). Nicht jeder meiner Mitdemonstranten hatte dabei richtig verstanden, worum es wirklich ging – das konnte man an den teilweise niedlichen, von ragefaces illustrierten Transparenten mit simpler Message erkennen – und selbst der Abschlussredner besann sich auf die einfachsten Parolen (Gegen Zensur im Netz und so weiter).

Bild via fakeblog

Und ich? Wollte mich nicht im Ansatz erdreisten, zu denken, dass ich es besser wüsste oder genauer artikulieren könnte. Und konnte der Rede dann trotzdem nicht länger als 20 Sekunden zuhören. Auch, weil mir diese von gekünstelter Entrüstung gezeichneten und im Anbiederungs- bis Aufstachelungsmodus laufenden Reden per se zuwidergehen. Ich fiel also zurück in meine ganz persönliche Ohnmacht im Umgang mit politischen Themen. Es bleibt dabei: Als Mittel, mein Zeichen zu setzen und den richtigen Themen zu (mehr) Aufmerksamkeit zu verhelfen, benutze ich Demonstrationen liebend gern. Als politische Weiterbildung taugen sie mir zumeist aber nicht. Höchstens als spirituelle Stärkung oder so.

Dass es arschkalt war und es daher nochmal doppelt bemerkenswert ist, wie viele in den letzten Tagen auf der Straße waren, setze ich als bekannt voraus.

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