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Nicht so brav, Frau Lehmann!

by Carsten on 6. Februar 2012 · 0 comments

in Über Lesen, Über Sehen

Früher oder später musste Juli Zehs Bestseller einfach fürs Kino adaptiert werden. »» „Schilf“ bietet eine spannende Krimihandlung, ohne dabei die üblichen Genreklischees zu bedienen. Stattdessen baut Zeh physikalische Theorien ein, die sie mit einem philosophischen Unterbau auch für Laien interessant macht, und am Ende gipfelt alles in den letzten großen Fragen von Moral, Schuld und Gerechtigkeit. Eine Verfilmung hätte Experimente wagen können, indem sie die Sci-Fi-Elemente aufgreift und die Vorlage in einen innovativen Paranoia-Thriller verwandelt. Doch Claudia Lehmanns Film ist so brav, so konventionell und risikofrei, dass er sogar unter dem durchschnittlichen Fernsehkriminiveau bleibt.

Ein Arzt, der in einen Medizinskandal verwickelt ist, wird beim Radfahren durch ein über die Straße gespanntes Stahlseil geköpft. In den Mordfall verwickelt sind die rivalisierenden Physiker Sebastian (Mark Waschke) und Oskar (Stipe Erceg), die im Studium einst dicke Freunde waren, sich aber durch unterschiedliche Lebensentwürfe und eine große Theoriestreitigkeit voneinander entfernt haben. Sebastian ist Anhänger der Viele-Welten-Theorie, während es für Oskar nur ein Universum mit nur einem linearen Zeitablauf gibt.

Nun geht es bei „Schilf“ aber gar nicht darum, wer den zwielichtigen Mediziner vom Rad geholt hat. Wir wissen von Anfang an, dass Sebastian für die Tat verantwortlich ist. Seine Frau war mit dem Arzt befreundet, und als sein Sohn gekidnappt wird, machen die Entführer den Auftragsmord zur Bedingung für die Freilassung. Spannender ist, was in Sebastians Kopf passiert: Er versucht die Tat vor der Polizei und vor seiner Frau zu verheimlichen, doch nach und nach zweifelt er immer mehr an seiner eigenen Wahrnehmung. Was ist wirklich passiert, und was bildet er sich nur ein? Immerhin glaubt er an die Existenz von Paralleluniversen, an Welten, die neben unserer eigenen existieren, deren Existenz wir uns aber nicht bewusst sind. Und dann gibt es da ja auch noch einen vermeintlichen Zeitreisenden, der Sebastian hinterher spioniert.

Regisseurin Claudia Lehmann hat Physik studiert, und so schafft sie es auch, die komplexen Theoriestreitigkeiten selbst für komplett Unwissende verständlich und spannend zu vermitteln. Das ist dann aber leider auch das einzige, was ihr mit ihrem Langfilmdebüt gelingt. Mit Mark Waschke und Stipe Erceg hat sie zwar zwei grandiose Hauptdarsteller, doch beiden kauft man den Physikprofessor nicht so richtig ab. Vor allem aber hätte Lehmann daran denken sollen, dass auch eine Krimihandlung spannend erzählt werden will. Ihre Vorlage bietet so viele Ausbruchmöglichkeiten, doch statt die mit den Theorien aufploppenden Sci-Fi-Elemente zu nutzen, bricht sie die Handlung auf das biedere Niveau eines Fernsehfilms runter. Selbst den spektakulären und makaber geplanten Mord an dem Mediziner inszeniert sie nüchtern und ohne jeden Schockeffekt. So kann man Physiklehrern raten, eine Schulvorstellung von „Schilf“ zu nutzen. Alle anderen schwänzen aber besser den Kinobesuch und machen es sich lieber mit dem Roman von Juli Zeh gemütlich.

„Schilf – Alles, was denkbar ist, existiert“ von Claudia Lehmann ist ab 8. März im Kino.

Der Roman von Juli Zeh ist bei Schöffling erschienen, eine Taschenbuchausgabe liegt bei btb vor.

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