Nächsten Donnerstag bitte alle mal nach Hamburg kommen. »» Denn da steigt ab 19 Uhr im Uebel & Gefährlich zum dritten Mal die lange Nacht junger Literatur und Musik. Niels Frevert und Die Sterne spielen, und 15 Autoren und Autorinnen lesen parallel auf drei Bühnen. Leif Randt stellt „Schimmernder Dunst über Coby County“ vor, Franziska Gerstenberg bringt ihren druckfrischen Roman „Spiel mit ihr“ mit und Benjamin Maack seinen neuen Erzählband „Monster“. Auch dabei: der Autor des vermutlich zweitbesten Romans des letzten Jahres. Jan Brandt (Foto: Harry Weber) ist auf dem Dorf groß geworden, und das wird er sein Leben lang mit sich rumschleppen. Gut für uns ist, solange dabei Dinge rausspringen wie sein unfassbar gutes Debüt „Gegen die Welt“.
„Ich wollte in meine Kindheit zurückreisen“, sagt Jan Brandt, der es letztes Jahr endlich geschafft hat, das so schwierige erst Buch zu veröffentlichen. Seit mehr als zehn Jahren warteten alle auf das Romandebüt des erfolgreichen Journalisten, der immer dann, wenn es um junge Literatur ging, als Geheimtipp fürs nächste dicke Ding gehandelt wurde. Mit 927 Seiten ist „Gegen die Welt“ das dann ja auch wirklich geworden. Aber warum hat es ausgerechnet eine weitere Coming-of-Age-Geschichte gebraucht, die einen Außenseiter auf dem Land thematisiert?
„Meine Heimat Ostfriesland musste ich zum Ort des Geschehens machen, weil ich einen Reibungspunkt brauchte, dass die Geschichte etwas mit mir selbst zu tun hat“, erklärt er, ohne sich damit entschuldigen zu wollen. Zwar spielt der Roman in einem fiktiven Dorf namens Jericho, doch das kann man getrost mit Ihrhove, einem Kaff bei Leer, gleichsetzen, in dem der Autor aufgewachsen ist. „Ich habe ja nicht meine Jugend eins zu eins aufgeschrieben, sondern mir ging es um eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Realität.“ Bei der geht Brandt formal in die Vollen: Über einige Seiten läuft in der Mitte ein horizontaler Balken, der zwei Parallelhandlungen voneinander trennt, und verblassende Schrift markiert den Bewusstseinsverlust einer Figur. Aber auch inhaltlich dreht Brandt auf, wenn sein Hauptheld, der schüchterne und fantasiebegabte Daniel Kuper, eines Tages in einem Kreis mitten in einem Maisfeld zusammenbricht und dadurch Ufo-Gerüchte anschubst. Kurze Zeit später tauchen überall im Dorf Hakenkreuz-Schmierereien auf, für die ebenfalls Daniel verantwortlich gemacht wird. Dazu kommen Daniels Freunde, die sich mit Heavy Metal in eine Parallelwelt flüchten. Und schließlich ist da noch der Bekanntenkreis seiner Eltern, in dem alle auf glücklich machen, auch wenn jeder Einzelne mit seinem Job oder dem falschen Partner hadert. Brandt hantiert mit Science-Fiction-Elementen, er lässt seine Figuren Verschwörungstheorien spinnen, geht bei ständigem Perspektivwechsel ganz tief in den Alltag der Dorfbewohner – und in jedem seiner Sätze schimmert der nicht mehr ferne Weltuntergang durch.
Egal, wie gut sich Brandt inzwischen in Berlin eingerichtet hat, ihm ist bewusst, dass er die Provinz immer in sich tragen wird. Was am deutlichsten wird, wenn er auf Elternbesuch zurück nach Ostfriesland fährt: „Ich komme nach Hause und bin wieder 19“, sagt er und verzieht das Gesicht. „Zwar habe ich keine langen Hare mehr, aber als Vegetarier erwartet mich die permanente Diskussion, warum ich kein Fleisch esse. Und dann wird mein Outfit kritisiert, weil es nicht dem entspricht, wie die Leute da rumlaufen. Da frage ich mich dann manchmal, was denn eigentlich die Definition von normal ist, und ob man es denen eigentlich recht machen könnte“, ereifert er sich, kann dann aber das Lachen nicht zurückhalten. „Nicht, dass ich das wollte, mich interessiert nur, ob es theoretisch überhaupt möglich wäre.“
Gleichzeitig weiß er, dass er dem Überwachtwerden im Dorfgefängnis viel zu verdanken hat, womöglich hätte er es ohne die Provinz niemals auf die Shortlist für den Buchpreis 2011 geschafft. „Dieser Hunger nach Erfahrungen war unglaublich wichtig für mich, und wer den nie hatte, der tut mir auch irgendwie leid. Weil er dann ja auch nicht erleben konnte, wie gut es tut, sich vom Dorf zu befreien.“ So ist der Roman für Brandt auch nicht die große Abrechnung, Brandt wollte einfach die eigene Biografie verstehen. Und wenn „Gegen die Welt“ die Provinz so einseitig schwarz zeichnet, dann deshalb, weil dem Roman zwischen den Zeilen noch ein anderes, viel größeres Projekt gelingt. „Mich hat die große Weltgeschichte interessiert, denn der Verfall des Dorfes hat ja auch eine gesellschaftliche Komponente. Auch wenn die eher wie ein fernes Gewitter über das Land hinwegzieht.“ Und dafür braucht es nun schon mal 927 Seiten.
„Gegen die Welt“ von Jan Brandt ist bei Dumont erschienen.
Jan Brandt liest bei Ham.Lit um 19:30 Uhr im Ballsaal.

Außerdem in diesem Jahr dabei: Jakob Hein, Nora Bossong, Benjamin Maack, Daniela Seel, Michael Weins, Nina Bußmann, Leif Randt, Andreas Stichmann, Monique Schwitter, Franziska Gerstenberg, Felicia Zeller, Steffen Popp, Oliver Kluck, Jan Böttcher.
Niels Frevert spielt um 21 Uhr im Ballsaal, Die Sterne beenden den Abend an gleicher Stelle um 23 Uhr.
Weitere Infos: www.hamlit.de
