Post Artcore Logo

Niedergestreckt und aufgerichtet: Scheißegal

by Carsten on 21. Januar 2012 · 0 comments

in Über Denken, Über Treiben

Im Freundeskreis gibt es Menschen, die sich als hetero definieren. »» Nun gut, aber es gibt noch sehr viel mehr Menschen im Freundeskreis, die sich als untertanzt definieren. Und wenn ich jetzt mal überlege, wie viele verlässlich gute Tanzclubs es in Hamburg gibt, komme ich genau auf einen einzigen.

Hat Hamburg da ein besonderes Problem? Klar, außer der Reihe gibt es hier schon immer mal wieder gute Partys. Eng wird es dann, wenn man nach Clubs sucht, die regelmäßig stattfinden. Oder gar nach einer Location, die man mehr oder weniger blind ansteuern kann. Natürlich ist man toleranter, wenn man in anderen Städten weggeht. Trotzdem: In Hamburg sind die Clubs mal viel zu groß, mal viel zu klein, gerne werden eigentlich okaye Läden von Prolls überrannt, weil der Kiez zu dicht bei ist, oder man traut sich erst gar nicht, bei gewissen Clubs ins Programm zu schauen, weil die eigentlich nur unglaublich schlimme Partys machen – und dann verpasst man dort die einzig gute Veranstaltung im Monat.

Und es ist schon ein Problem: Natürlich sind Barnächte nett, und gute Orte zum Trinken hat es selbst in Hamburg mehr als genug. Aber irgendwann am Ende vom fünften Gin Tonic herrscht dann meist große Einigkeit, dass irgendwas fehlt. Man kann sich vormachen, es wäre nur der sechste Gin Tonic, oder aber man gesteht sich ein, dass man das Wochenende nicht verlassen möchte, ohne noch mal in einem Tanzlokal gewesen zu sein. Und dann geht es los: Jeder haut zwei halbgare Vorschläge raus, bei denen er schon von vornherein weiß, die Runde wird kollektiv aufstöhnen und ne Schnute ziehen. In den jämmerlichsten Fällen organisiert man dann sogar noch ein einschlägiges Printprodukt, um die Aussichtslosigkeit der Situation zu besiegeln. Und je nachdem, ob es einen siebten, achten, neunten Gin Tonic gibt, wankt man mehr oder weniger frustriert und unausgefüllt heim.

Jetzt gerade habe ich aber andere Probleme: Ich muss diese Kolumne hier irgendwie füllen. Und vor allem schreibe ich gegen die PPDs an, von denen an dieser Stelle ja schon mehrfach die Rede war. Denn gestern war Mis-Shapes, der einzige verlässlich gute Tanzclub, den es in Hamburg gibt. Seit nun schon mehr als sechs Jahren bringen die beiden DJs Martha Hari und Johannes D. Täufer zweimal pro Monat Elektro, Indie und Pop zusammen, mal im verrotzten Molotowkeller, mal im Turmzimmer vom Uebel & Gefährlich. Natürlich hat es da die unkaputtbaren Hits, die man spätestens ab Gin Tonic Nummer sechs unbedingt auch noch ein weiteres Mal hören muss. Aber sie mischen mit unbekannten, neuen Sachen, und es gehen auch vermeintlich uncoole Songs. Oder weiß jemand eine andere Party in HH, bei der man so entspannt und fernab von Indiesnobbery und allen Coolnesscodes so gut feiern kann? Und, ach ja, auch Mis-Shapes definiert sich: schwul, lesbisch, scheißegal.

Zweimal im Monat sind alle Probleme gelöst – allerdings nicht für alle im Freundeskreis. Würde man so ja nicht unbedingt drauf kommen, dass man mit Menschen zu tun hat, die bei einer „schwulen Party“ Berührungsängste haben und die in ihrem Selbstdefinierungswahn trotz der Scheißegalzuschreibung auf Mis-Shapes nicht klarkommen. Obwohl es auch für sie der einzige verlässlich gute Tanzclub in HH wäre, da bin ich mir ganz sicher. Mir ist das immer scheißegal, denn an einen solchen Punkt kommt man natürlich nur an Abenden, an denen auch eine Mis-Shapes-Party steigt. Ich geh dann lieber feiern und diskutiere nicht. Sollte ich aber eigentlich, oder? Vielleicht bringe ich das Thema heute mal auf den Tisch. In einer Bar, kurz vor Gin Tonic Nummer sechs. Tanzen kann man heute in HH ja eh nicht.

Leave a Comment

Previous post:

Next post: