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Warten auf Drölf

by Carsten on 30. Dezember 2011 · 4 comments

in Über Denken, Über Einander, Über Treiben

Es ist ja so, dass es vor 2011 auch schon beschissen war. >> Aber das finde ich vernachlässigenswert, wenn man bedenkt, wie groß der Haufen letztes Jahr war, durch den man irgendwie durch musste. Jetzt liegt noch eine Tagesreise vor mir, und ich soll/kann/darf hier ganz öffentlich meine Neujahrszigarre rauchen. Dabei weiß ich doch gar nicht, wie das gehen soll: Ein Jahr verabschieden, über das mir in den letzten Tagen niemand sagen konnte, dass es einen Abschied überhaupt verdient hat? Und dabei womöglich auch noch ein bisschen Optimismus zwischen die Zeilen gießen, dass alles besser, wenn nicht sogar gut wird?

Wir befinden uns zwischen den Jahren. So sehr ich diese Bezeichnung auch mag, weil sie mich an ein Zeitloch denken lässt, an Tage, an denen man die halsbrecherischsten Dinge tun kann, die dann eben doch keine Konsequenzen haben, so sehr sind mir diese Tage mit ihrer emotionalen Aufgeladenheit aber auch widerlich. Und daran bin ich auch noch mitschuldig: Warum bin ich so oll und renne mit einem Kalender durch die Gegend, in dem jeder Tag seine handschriftlichen Einträge bekommt? Ich könnte als Neujahrsvorsatz nur noch iCal verwenden, dann müsste ich mich zwischen den Jahren nicht mehr durch die vergangenen 365 Tage blättern, um herauszufinden, welche Einträge rübergerettet gehören. Aber würde das wirklich helfen? Trotzdem gäbe es zwischen den Jahren keinen Alltag, an dem man sich klammern, in dem man sich verstecken kann. Und irgendwo steht immer ein Baum, unter dem man sich zusammenrollen kann und wo man dann automatisch darüber nachdenkt, was denn so alles passiert ist, seit man sich das letzte Mal unter einem Baum zusammengerollt hat. Man könnte die durch den abgeschafften Kalender gewonnene Zeit nutzen, um noch verschärfter gegen den Frust zu fressen, man könnte die obligatorischen Besäufnisse in dieser Zeit noch intensiver ausleben, man könnte womöglich sogar versuchen, all die Rituale beim Heimatbesuch um einen verzweifelten Fick zu ergänzen. Ist ja schließlich zwischen den Jahren, da muss man das ja noch nicht mal vor sich selbst rechtfertigen. Aber dann muss ich ja nur hier drei Einträge digital zurückblättern, wo ich dann von PPDs lese, die mich dazu bringen, all die Alternativen fahren zu lassen. Here we go und jetzterstrecht: Auch 2012 ist ein vollkommen überteuerter Moleskine mein treuester Begleiter.

Was mir bei der Neujahrzigarre jetzt allerdings nicht weiterhilft, habe ich doch gerade das Gefühl, noch nicht mal den Anschnitt geschafft zu haben. Da spule ich doch noch mal zurück, um zumindest schon mal den Zigarrenkopf ganz cool von mir zu spucken. Denn im Kalender waren sie alle aufgeführt, die vielen Festivals, auf denen ich 2011 war. Über alle hätte ich schreiben sollen – was ich aber wohlweislich nicht getan habe. Okay, eine Ausnahme, irgendwo fliegt noch ein Text übers Melt! rum, aber da hatten mir schon die wenigen Reaktionen aus meinem direkten Umfeld gezeigt, dass ich mit meiner Verweigerungshaltung eigentlich ganz richtig gelegen habe. Wie hätte ich über Dockville, Spot, Hurricane und Berlin Festival schreiben sollen, wenn ich doch ganz tief in meinen eigenen kleinen Dramen abgetaucht war (kann man auch ruhig Luxusproblemchen nennen) und vor lauter Scheiße die Bühnen gar nicht mehr richtig gesehen habe? Überhaupt Musik: Erst vor zwei Tagen habe ich gemerkt, dass der Mein-Jahr-in-Alben-Rückblick für mich nur unkommentiert funktioniert, weil etwa jeder Satz zu „Smother“ von den Wild Beasts entweder nicht gefühlter Allgemeinplatz oder aber verdammt unangenehmes Wühlen in den eigenen Eingeweiden gewesen wäre. Und trotzdem lag ich vor zwei Tagen eben auch zusammengerollt unter einen Baum und hätte das bei absoluter Stille auf keinen Fall ertragen. Nö, da lief „Put your Back N 2 it“, das neue Album von Perfume Genius, das erst am 17. Februar bei Matador erscheint und über das bei postartcore in 2012 noch unglaublich viel zu reden sein wird. Und dann war plötzlich alles okay, wenn Mike Hadreas in „17“, einem der schönsten Schöns, gesungen hat: „Take everything away, this gnarled, weird face, this ripe, swollen shape, I want blank, I want frozen lake“.

Genau, Carsten, das ist jetzt also deine Optimismuspille für 2012? We’re ugly, but we have the music????? Nö, aber da fliegt doch zumindest der Zigarrenkopf ganz gut, oder? Immerhin: Die Perfume-Genius-Platte wird im Februar veröffentlicht werden, Tocotronic werden ihr Sabbatjahr beenden, Radiohead werden Im Juli in Berlin spielen undwasweißichnichtnochalles. Selbst wenn die Scheiße noch höher steigt, kann man mit diesem Soundtrack da doch ganz okay drin rumtauchen.

Aber – und jetzt kommt’s – die Scheiße wird nicht noch höher steigen. Lasst uns von Zweitausenddrölf sprechen, der Zeit, in der dann doch noch alles gut wird. Nun ist man sich in der Zweitausenddrölfforschung ja uneinig, wann es denn losgehen soll, man findet da Angaben zwischen 2011 (sic) und 2015. Wenn ich an 2011 denke, dann denke ich auch an die unzähligen Momente, in denen ich einen Hundeblick versucht habe, um eine liebste Freundin zu fragen, wann dieses Drölf denn nun endlich auftaucht. Diese Frage stelle ich natürlich nicht wahllos – noch laufe ich nicht rammdösig durch Hamburgs Straßen und frage Unschuldige nach Drölf. Neinneinnein, diese liebste Freundin weiß schon mehr, immerhin habe ich durch sie erst von Drölf erfahren, und außerdem hat sie auch an den unglaublichsten Orten den Schlüssel für eine Hoffnungsbox. Nur: Bisher waren die Aussagen immer ziemlich vage, mit jedem Hundeblick ploppte in ihren Antworten ein neues VIELLEICHT auf. Doch damit ist jetzt Schluss, habe ich doch gestern als Vorbereitung auf diese Neujahrszigarre noch mal ganz unauffällig die Drölf erwähnt. Und: keine Widerrede. Okay, ich will ehrlich sein, ein Hauch von Restzweifel waren da in ihrem Gesicht, aber vermutlich kennt ihr die liebste Freundin nicht, das kann man bei ihr als Go werten. Jaja, Zwölf wird Drölf!

Und jetzt? Muss man sich irgendwie vorbereiten, um Drölf in Empfang zu nehmen? Eigentlich nicht. Man muss sich natürlich eine Zigarre besorgen, vielleicht auch eine Konfettibombe, aber das war es dann auch schon. Und die Neujahrsvorsätze, all die radikalen Entrümpelungen? Ich habe mich dagegen entschieden, denn Drölf geht für mich eben auch nicht ohne die Elf. Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich in den letzten Tagen vielleicht schon einen leichten Drölfschatten gesehen. Letztendlich muss die ganze Scheiße ja für irgendwas gut gewesen sein, und letztendlich tut es auch gut, ganz genau zu wissen, warum man da zwölf Monate lang durchgewatet ist. Kann sein, dass das falsch ist, aber radikale Umstürze kann man ja immer, auch am 30. Februar oder am 31. Juni.

Was mich aber natürlich trotzdem nicht davon abhält, 2011 ein letztes Mal ganz euphorisch den Fuckfinger zu zeigen.

Und jetzt: Alle wird gut. Wir sehen und hören uns in Drölf. Und Zigarren werden übrigens gepafft, nicht inhaliert.

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liebste freundin Dezember 30, 2011 um 17:57

ich wünsche mir einen baum, unter dem sich im sommerlichen herbstwind auf einem grünen sofa die wild beasts den schmerz von der seele singen und ich mich mit meinem kopf in ihren schoss kuscheln kann, anstatt – wie sonst – dagegen fahren zu wollen – das wäre drölf!!! und dem bin ich hier schon ein ganzes stück näher gekommen <3

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