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Der Baader-Leßmann-Komplex: Abschied von den Eltern

by Carsten on 14. Dezember 2011 · 1 comment

in Über Denken, Über Sehen, Über Tönen, Über Treiben

„Ohne den Führer hätte es dich nicht gegeben. Dein Vater wollte eigentlich keine Kinder, aber der Führer hat Nachwuchs verlangt. Was sollte man da machen?“ »» Sätze wie diese habe ich von meiner Mutter nie gehört – und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, mit allem, was ich denke, glaube, fühle, mache, …

… dem Lebensentwurf meiner Eltern widersprechen zu wollen und zu müssen. Schön ist das nicht, denn eigentlich würde ich mir gern einreden, meine Überzeugungen wären mehr als die reine Negation vom bürgerlichen Kleinstadtmief. Und spätestens wenn im Kopf dann die beliebte Stammtischwahrheit aufploppt, dass wir alle früher oder später wie unsere Eltern werden, habe ich ein ziemlich großes Problem.

Andres Veiels Politdrama „Wer wenn nicht wir“ fliegt schon seit einiger Zeit bei mir rum. Ich hatte nie wirklich Lust, mir den anzusehen, weil ich all die RAF-Filme zuvor auch schon nicht mochte, von denen ich den Eindruck hatte, dass sie nur gedreht worden waren, damit Spiegel-Leser steile Theorien geliefert bekommen, mit denen sie die RAF entpolitisieren und beiseite schieben können. Am liebsten, indem man aus den Protagonisten eine Freakshow macht. Und genau das habe ich auch Veiel im Vorfeld unterstellt: Die kleinbürgerliche Pfarrerstochter sucht sich mit dem nicht sehr bildungsnahen Haudrauf Andreas Baader den falschen Fick, und dann hängt da irgendwie auch noch Bernward Vesper mit drin, Sohn des Nazidichters Will Vesper und Student mit Verlegerambitionen. Im Nachhinein muss ich mein Vorurteil aber zumindest teilweise revidieren: Veiel sieht die gesellschaftliche Analyse zumindest gleichwertig zu Geilheit und Eifersucht, wenn er über die Motive spekuliert, die für die RAF-Gründung ausschlaggebend waren.

Letztendlich habe ich mir den Film aber nicht angeschaut, weil ich jetzt plötzlich nur noch über Filme motzen mag, die ich auch gesehen habe. Grund war ein Interview, was auf dem ersten Blick rein gar nichts mit der RAF zu tun hat: In der letzten Woche habe ich mich mit der Husumer Band Vierkanttretlager unterhalten, die Ende Januar ein ganz und gar großartiges Debütalbum veröffentlichen werden, das den Titel „Die Natur greift an“ trägt. Thematisch geht es auf der Platte um die Suche nach einem Platz im Leben, ums sogenannte Erwachsenwerden. Mit Anfang 20 können Vierkanttretlager bei der momentan so beliebten Diskussion natürlich kräftig mitmischen, dass ihre Generation von den immer zahlreicher werdenden Möglichkeiten der Lebensführung überfordert, ja paralysiert und womöglich sogar förmlich zu Sicherheitsstreben und konservativen Modellen getrieben sei. Da sollte man auch wirklich hinhören, denn vor allem Sänger und Texter Max Leßmann weiß dazu schlaue Dinge zu sagen.

Was für mich aber gar nicht stimmt, gerade weil es so sehr stimmt: ihr Verhältnis zu den Eltern. „Es fühlt sich einfach nicht nach Aufbruch an, wenn dir dein Vater bei so ziemlich allen Zukunftsplänen sagt: Los, mach doch!“, erklärt Leßmann. Und: „Ich frage mich, ob es das in der Geschichte überhaupt schon mal gab, dass die Eltern- und die Kindergeneration sich so nahe gestanden haben.“ Und dann erzählt Leßmann, er habe gerade „Wer wenn nicht wir“ gesehen, der ja noch aus einer Zeit erzähle, als das alles noch ganz anders gewesen sei. Okay, ihr geht dann heute mit euren Eltern einen trinken – aber seit ihr wirklich glücklich damit?

Nicht dass ich dem Leßmann Will Versper zum Vater wünsche, aber mit seinem Vergleich zu den Abnabelungskämpfen von Bernward Vesper hat er locker mal ein paar Generationen übersprungen. Es muss ja nicht gleich ein Nazivater sein. Aber wie weit geht die Generationenverbrüderung denn? Sicherlich ist es okay, mal ganz offiziell das Jugendzimmer vollzukotzen, nachdem man mit den Jungs aus der Band feiern war. Reibt ihr euren Eltern dann auch unter die Nase, wenn ihr mal Koks abgecheckt habt? Schüttet ihr Mama nur euer Herz aus, wenn ihr verliebt zu sein glaubt, oder erzählt ihr auch jeden emotionslosen, verzweifelten Fick? Eure Eltern können doch so viel falsch machen: Sie können jede Woche ihr Auto waschen, einmal zu oft von der Bankerkarriere des Nachbarsohns schwärmen, blöde Witze über den schwulen Gemüsehändler aus Andalusien reißen, den Spiegel abonnieren. Und bitteschön: Schimmert nicht bei fast jeder Textzeile eurer Platte das Leiden an der Kleinstadtenge durch, an der Rollenfestschreibung, der Routine, dem Gefangensein?

Vielleicht definieren wir einfach nur anders, wann man davon sprechen kann, gegen die Eltern zu revoltieren. Ziemlich sicher aber bin ich eifersüchtig, weil Max Leßmann sich auch so hinzubekommen scheint. Nicht, dass ich nicht sehr schnell an den Punkt gekommen wäre, meine Mutter nicht mehr provozieren zu wollen. Aber ich betrachte es immer noch als einen Nichtangriffspakt. Max Leßmann tut das nicht, und er hat den Vorteil, dass er keine Angst davor hat, wie seine Eltern zu werden.

„Wer wenn nicht wir“ gibt es seit Mitte Oktober auf DVD.

„Die Natur greift an“ von Vierkanttretlager erscheint am 27. Januar 2012 via Unter Schafen/Alive.

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Zahnwart Dezember 14, 2011 um 08:07

Hübsch. Ein wenig Luxusprobleme, selbsreflexiv, aber trotzdem: hübsch, doch. Kleine Korrektur: Der Regisseur heißt Andres Veiel, nicht Andreas. Andreas, das war der Baader. Sonst alles hübsch.

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