Post Artcore Logo

Call me hipster!

by Carsten on 21. Mai 2012 · 0 comments

in Über Tönen

Tut uns leid, jetzt steigen wir bei PAC auch noch in die Hipsterdiskussion ein. »» Dafür aber immerhin komplett unsachlich: Obwohl wir das Debütalbum sehr lieben und ihre Band Friends schon jetzt zu den wichtigsten Newcomern des Jahres zählen, beschimpfen wir Sängerin Samantha Urbani einfach mal als Hipster. Besonders originell ist das natürlich nicht, den Diss hat man auch schon bei anderen gelesen. Trotzdem mussten wir es einfach tun, hatte uns Urbani doch im Interview erzählt, ihr falle in New York zur Zeit kaum etwas Lustigeres ein, als mit ihrem Freund durch die Gegend zu fahren und verdächtig aussehende Menschen als Hipster zu begrölen. Das Erschreckende dabei: Fast allen gefällt das. Und ihre Opfer können das Hipstertum bestimmt nicht so überzeugend schönreden wie Urbani selbst.

PAC: Samantha, was ist deine Definition einer Hipsterband?
Samantha Urbani: Shit, diese Zuschreibung werden wir nicht mehr los, oder? Daran bin ich wohl mitschuldig, denn ich habe mal in einem Interview den Gedanken durchgespielt, dass es für uns das beste wäre, den Begriff anzunehmen und positiv umzudefinieren.

PAC: Gibt es da denn einen Definitionsspielraum?
Samantha Urbani: Natürlich rutschen alle Angehörigen unserer Generation automatisch ins Hipstertum, denn wir leben in einem Zeitalter, in dem es keine eindeutigen kulturellen Referenzen mehr gibt. Somit sind wir alle Mash-ups, die nirgendwo richtig dazugehören. Ein Hipster ist jemand, der alles cool findet. Durch das Internet haben wir zu allem Zugang, wir können alles aus seinem Kontext lösen und in einen anderen transferieren. Weil alles ironisiert wird, kann man auch in allem coole Elemente entdecken, und die coolen Elemente ganz unterschiedlicher Ästhetiken kombinieren wir. So tragisch es ist: Das ist meine positive Hipsterdefinition. Aber generell wird der Begriff ja im ganz und gar negativen Sinne verwendet, um jemanden runterzumachen. Dann ist ein Hipster jemand, der sich ein bestimmtes Image zulegen möchte, bei dem aber gar nichts dahinter ist, kein Wissen, keine Meinung, keine Einstellung. Diesen Menschen ist es egal, wie es sich mit den Wurzeln der von ihnen zitierten Phänomene verhält.

PAC: Aber mit der positiven Hipsterdefinition kannst du dich identifizieren?
Samantha Urbani: Ich kann damit leben, aber natürlich definiere ich mich nicht als jemand, der alles cool findet. Ich will offen sein und alles so komplex wie möglich reflektieren, aber an die Dinge, auf die ich meine Zeit verwende, möchte ich auch wirklich glauben. Wobei, noch schlimmer als Hipster sind ja Leute, die vortäuschen, einer ganz bestimmten Szene anzugehören. Das sind dann Leute, die ihre Jeans zerschneiden, weil sie gerne so rüberkommen würden, als hätten sie einen Lifestyle, der zwingend zu zerrissenen Jeans führt.

PAC: Für Musiker gilt das aber nicht, oder? Nichts ist unerträglicher, als wenn sie auf natürlich machen, um Authentizität vorzutäuschen.
Samantha Urbani: Stimmt, ich will auch lieber Musiker mit Image, weil ich wahnsinnig gelangweilt von Musikern in Durchschnittsklamotten bin. Dabei geht es mir nicht um die Klamotten an sich, sie drücken nur aus, dass derjenige keine spannende Intention hat. Da will ich doch lieber jemanden wie David Bowie, der ja auch ein Hipster ist. Bei ihm gehörte es immer zur Musik dazu, Charaktere zu erfinden und subversive Bilder zu produzieren. So hat er die Normen der Sexualität hinterfragt und Geschlechterdefinitionen gegen den Strich gebürstet. Natürlich kann Musik auch für sich stehen, nicht jeder Musiker hat ja die Strahlkraft eines David Bowie. Aber von diesen Leuten will ich keine Fotos sehen. Und ich brauche auch keine langweiligen Musikvideos mehr, mit denen habe ich schon viel zu viel Zeit verschwendet.

PAC: Von der exzentrischen Wirkung Bowies seid ihr aber auch meilenweit entfernt.
Samantha Urbani: Okay, aber wir tragen nicht Jeans und Karohemd, um den Leuten zu suggerieren: Wir sind wie ihr. Andererseits hätte ich auch nicht mehr das Gefühl, ich würde rebellieren oder irgendwas ausdrücken, wenn ich mich total abgedreht style. Das haben wir jahrzehntelang gehabt, was soll daran jetzt noch aufregend sein? Ich könnte mir die Haare abrasieren oder sie spektakulär färben, aber ich finde es subversiver, lange, natürliche Haare zu haben. Genauso ist es ja auch mit unserer Musik. Wir haben ein Debüt veröffentlicht, auf dem wir viel gewagt haben, aber am allermutigsten ist, dass wir so sehr pop sind. Wir können Pop machen und trotzdem Freaks sein.

„Manifest!“ von Friends erscheint am 1. Juni via Lucky Number/Cooperative Music/Universal.

Leave a Comment

Previous post:

Next post: