PAC weist den Verdacht entschieden zurück, wir hätten besondere Freude daran, uns über den Element-Of-Crime-Sänger auszukotzen. »» Und wir hetzten unsere Interviewpartner auch nicht gegen Sven Regener auf. Auch nicht Citizens!-Sänger Tom Burke. Dieser Text war einzig und allein dazu gedacht, die überaus großartige Band aus London vorzustellen, die nach der Single „True Romance“ auf ihrem Debüt „Here we are“ noch zehn weitere, riesengroße Popsongs raushaut. Und wie das mit dem Sven wieder passiert ist, können wir uns auch nicht so richtig erklären.
PAC: Tom, zum 20-jährigem Jubiläum von Britpop diskutieren gerade alle, was bis heute Bestand hat. Wer ist denn damals wirklich wichtig gewesen?
Tom Burke: Blur, denn die haben richtig gute Popmusik gemacht und sich dabei weiterentwickelt. Natürlich wurden als Britpop ganz unterschiedliche Sachen zusammengefasst, aber es gab auch schon einen Einheitsbrei: Bands, die man unmöglich voneinander unterscheiden konnte. Und dann waren da Bands wie Oasis, die sich von Platte zu Platte selbst kopiert haben und mit jedem Album ein bisschen schlechter geworden sind. Wobei Britpop ohne Oasis natürlich undenkbar ist, schon allein wegen der Streitereien mit Blur. Vielleicht ist diese Fehde zwischen Blur und Oasis sogar der prägnanteste Einfluss auf die Musikszene. Fälschlicherweise meint bis heute so ziemlich jede junge Band, um Erfolg zu haben, gehört es zwingend dazu, auf die Konkurrenz einzudreschen.
PAC: Ach, aber ihr seid doch selbst dicklippige Disser und erzählt in jedem zweiten Interview, dass ihr den Pop retten wollt, indem ihr ihn von David Guetta und anderen seelenlosen Fließbandmusikern zurückerobert.
Tom Burke: Erwischt, wobei ich die momentane Radiomusik zu wenig ernst nehme, um mir mit diesen Bemerkungen einen öffentlichkeitswirksamen Diss anhängen zu lassen. Ich spreche nur aus, was jeder denkt, der noch einen letzten Rest Hirn zur Verfügung hat.
PAC: Dann sehnst du dich eigentlich doch in die goldene Zeit des Britpop zurück als London noch die wichtigste Musikmetropole war?
Tom Burke: London ist heute nicht langweiliger als damals. An den Rändern gibt es viele spannende Bands wie Factory Floor, Trailer Trash Tracys oder Theme Park. Nur der vermeintliche Konsensgeschmack geht immer mehr vor die Hunde. Und es ist sicherlich ein Vorteil, dass es heutzutage keine Massenbewegung wie Britpop mehr gibt. Bands können sich nicht mehr in einer Szene verstecken und müssen zeigen, ob sie etwas Neues abliefern können.
PAC: Auf eurem Debüt erfindet ihr Pop nicht gerade neu. Aber indem ihr euch bei den derzeitigen Standards von Indie-Elektro bedient und robuste Dancebeats und eingängige Synthiemelodien mit treibenden Gitarren kombiniert, haut ihr ein Album voller großer Popsongs raus. Für Innovationen muss man genauer hinhören und auf die Soundspielereien achten, die sich in den Details verstecken. Allerdings habt ihr euch Hilfe von einem Protagonisten der zweiten Britpopwelle geholt und Franz-Ferdinand-Sänger Alex Kapranos als Produzenten engagiert.
Tom Burke: Genau, und das war eine wichtige Entscheidung in unserem Kampf für gute Popmusik. Man darf seiner Band nicht anlasten, dass sie von unzähligen Bands kopiert wurde. Was Franz Ferdinand damals gemacht haben, war unglaublich innovativ, und Alex hat uns auch immer wieder angespornt, mutig zu sein und Entscheidungen zu überdenken.
PAC: Wenn ihr stolz verkündet, dass ihr bei Kitsuné und eben nicht bei einer großen Plattenfirma veröffentlicht, scheint ihr immer noch von der alten Unterteilung in gute Indies und böse Majors überzeugt zu sein.
Tom Burke: Wir haben gemerkt, wie die Musikszene tickt, als wir uns mit verschiedenen Produzenten getroffen haben, die vor allem für die großen Plattenfirmen arbeiten. Sie hatten alle eine lange Liste mit Dingen, die wir bei unserem Album berücksichtigen sollten. Und sie alle haben mit der Krise der Industrie argumentiert, wegen der man stärker als je zuvor auf Massentauglichkeit achten muss.
PAC: In Deutschland hat gerade der Element-Of-Crime-Sänger Sven Regener eine Diskussion angeschubst, weil er in einem Interview ziemlich angepisst erklärt hat, er weine den Zeiten hinterher als die Plattenfirmen noch mächtig waren. Regener fühlt sich von Youtube und Co. um seine Einnahmen geprellt, und alle diskutieren wieder über das Urheberrecht von Künstlern im Netz.
Tom Burke: Der spielt bei einer etablierten Band, die sich keine finanziellen Sorgen mehr machen muss, oder? Junge Bands haben ja das Problem, dass die Plattenfirmen Einfluss auf ihre Musik nehmen wollen. Natürlich ist es fragwürdig, wenn Youtube nicht für Musik bezahlt. Aber so haben Musiker die Chance, ihre Musik an die Leute zu bringen, und zwar so, wie sie es selbst für richtig halten. Dadurch entstehen Sachen, die sehr viel aufregender sind als das, was die Karriereplaner bei den Plattenfirmen sich ausdenken. Ich kenne diesen Sven Regener zwar nicht, aber er scheint ein ziemlich unangenehmer Typ zu sein. Was dann jetzt wohl mein endgültiges Outing als Kind des Britpop war: Ich habe schon wieder jemanden gedisst.
„Here we are“ von Citizens! erscheint am 25. Mai via Kitsuné / Cooperative / Universal.
Foto Citizens!: Frederike Helwig
