Ausgerechnet die kargen und vermeintlich kunstlosen Sätze von Hanna Lemke machen Hoffnung. »» Während sich die 31-jährige Berlinerin in dem Kurzgeschichtenband „Gesichertes“ noch an Liebesbeziehungen rangezoomt hat, die allesamt durch Flüchtigkeit und eine mehr oder weniger gewollte Unverbindlichkeit gekennzeichnet waren, geht es in der längeren Erzählung „Geschwisterkinder“ um eine Bindung, die sich nicht so einfach lösen lässt. Milla und Ritschie sind in ihren Zwanzigern, sie leben beide in Berlin, und wenn es in ihrer Kindheit und Jugend mal so etwas wie Nähe gegeben hat, dann ist sie komplett abhanden gekommen. Doch ganz langsam und ganz vorsichtig kommen sie sich näher – und plötzlich ist da etwas, das gegen das eigene Verschwinden helfen könnte.
PAC: Hanna, kannst du uns bitte mal erklären, was denn genau das Problem von Milla, der Hauptfigur deiner Erzählung „Geschwisterkinder“ ist?
Hanna Lemke: Das ist ja eine Sache, die Milla selbst erst im Laufe der Erzählung zu fassen bekommt. Zunächst weiß sie gar nicht, was mit ihr los ist. Es gibt ja diese eine Szene, in der ich beschreibe, dass sie zwar in ihre Klamotten steigt, sich aber nicht mehr fühlt, wie sie selbst. Sie ist nur noch eine Darstellerin ihrer selbst. Dieses Gefühl schleicht sich so ein, und wenn sie das erste Mal darüber spricht, klingt es noch wie eine Vermutung. Sie sagt: Ich habe Angst. Gleichzeitig stellt sie sich aber auch die Frage, ob dieses Gefühl, das sie da hat, wirklich Angst ist. Und es ist ja auch so, dass das bis zum Ende nicht genau definiert und eingeordnet wird. Ich wollte das auch nicht pathologisieren. Ich wollte Milla einfach nur in diesem Zustand des Immer-unsicherer-Werdens und des Aus-der-Welt-Herausfallens zeichnen. Es ist mit einberechnet, dass der Leser da keine genau Definition und Erklärung erhält.
PAC: Aber gerade dadurch könnte es dir passieren, dass „Geschwisterkinder“ zum Generationserklärerbuch hochgejubelt wird. Vielen geht es ja so, dass sie merken, irgendwas stimmt mit ihnen nicht, aber was genau es ist, können sie nicht benennen.
Hanna Lemke: Wobei ich ja eher den Trend zur Schubladisierung sehe: Bist du traurig, dann hast du eine Depression. Und bist du erschöpft, dann hast du ein Burnout. Diese Begriffe und Einordnungen sind ja wahnsinnig schnell zur Hand – und dem stehe ich ziemlich kritisch gegenüber. Man kann ja auch einer schönen Melancholie verfallen, ohne dass es gleich eine Krankheit sein muss.
PAC: Bei Milla und auch bei ihrem Bruder sind ja vor allem die Ziele abhanden gekommen …
Hanna Lemke: Milla und Ritschie sind Menschen, die meiner Meinung nach nicht besonders zielorientiert leben. Sie sind ja auch nicht ehrgeizig und haben keine sogenannten Ziele im Leben. Ritschie hat ja etwa Fotografie studiert und versandet jetzt in einem Fotoredakteursjob. Wenn der jetzt sagen würde, er will seine Leidenschaft neu entdecken und er will versuchen, das zu verfolgen, dann hätte er einen Impuls. Aber er hatte schon bei seiner Diplomarbeit nicht so recht gewusst, was er da macht. Und dieses Gefühl ist auch nie weggegangen. Das ist ja das, was ich den Figuren gegeben habe. Es geht hier ja nicht um ein freudiges Beschreiten des Karrierewegs. Und es ist ihnen auch gar nicht abhanden gekommen, sondern die hatten das nie. Die haben das nie für sich entwickelt.
PAC: Siehst du darin das große Dilemma der Figuren?
Hanna Lemke: Nö, überhaupt nicht. Das ist die Art, wie meine Protagonisten dem Leben begegnen, und da möchte ich ungern werten. sie sind so, wie sie sind, und mir geht es einfach nur darum, sie in dieser Verfasstheit abzubilden.
PAC: Dann kommst du mit den Figuren gut zurecht? Wie war es, sich mit Milla und Ritschie zu umgeben?
Hanna Lemke: Es war schon schwierig. Wenn man merkt, dass die Figuren einfach nur dasitzen wollen ohne etwas zu tun, dann muss man damit erstmal umgehen. Für mich war es ungemein schwierig, deren Verfasstheit aufs Papier zu bringen, die genauen Worte und Bilder zu finden. Ganz besonders hat das Millas Entwicklung in dieses Angstgefühl hinein betroffen. Da die richtigen Worte und Szenen zu finden, das nicht zu benennen und trotzdem spürbar zu machen, das war die Herausforderung. Es ist ja auch die erste längere Erzählung, die ich geschrieben habe. In dem Buch davor gab es ja nur sehr kurze Geschichten, und ich hatte bis dahin auch nur so kurze Geschichten geschrieben. Das war die zweite Herausforderung: Den beiden Figuren den Raum zu geben, den sie brauchen. Ich musste da ganz langsam entlang erzählen und auf Pointen verzichten. Auch erzählerisch wollte ich keine einfachen Auswege suchen.
PAC: Aber ist es nicht eigentlich unmöglich, die Figuren nicht zu psychologisieren? Vielleicht landet das dann nicht im Text, aber in deinem Kopf ist es ja trotzdem …
Hanna Lemke: Ich habe natürlich immer ein ganz genaues Bild von den Figuren. Ich wie sie aussehen, wie sie sich verhalten, wie sie reden und was sie denken. Aber im Text versuche ich immer zu beschreiben, was sie gerade machen und wie sie gerade sind. Kein warum, kein wieso und kein weshalb. Und tatsächlich habe ich für die drei W-Fragen auch keinen großen theoretischen Überbau. Das bin ich beim Schreiben sehr intuitiv. Ich versuche mir die Figuren einfach ganz genau vorzustellen und sie dann aufzuschreiben. Wie gesagt, ich bin ein bisschen misstrauisch gegenüber diesem sehr verbreiteten psychologischen Erzählen. Da gibt es dann immer diese Modelle: In der Kindheit ist etwas schiefgelaufen, deswegen sind sie als Erwachsene immer noch unglückliche Menschen. Darauf will ich total verzichten, und das soll auch nicht unterschwellig beim Leser ankommen. Da will ich auch nicht raunen, diese Ebene soll komplett nicht stattfinden.
PAC: Mit dem Kurzgeschichtenband „Gesichertes“ wurde dir gerade deswegen ein wichtiger Beitrag zur Gegenwartsdiagnostik bescheinigt. Entscheidend dafür war, dass nichts definiert werden kann.
Hanna Lemke: Das mit dem Generationending ist eine lustige Sache. Bei meinem ersten Buch wurde das ja auch schon vom Verlag vorgeschlagen, dass man das in diese Richtung lesen könnte. Da kann ich aber nur sagen: Ich habe beim Schreiben über meine Generation nicht nachgedacht. Ich finde den Begriff auch schwierig, weil die Generation so groß und breit ist. Wenn, dann betrifft das ja nur ein ganz schmales Segment der Mittelstandsjugend, die auch noch studiert haben und sich das entsprechende Leben leisten können. Nach wie vor denke ich beim Schreiben über die Figuren nach und nicht darüber, was das über die Figuren hinaus über unsere Zeit oder die Menschheit bedeuten könnte. Diese Verallgemeinerungen liegen mir nicht.
PAC: Wird man noch immer verstärkt in diese Ecke gedrängt, wenn man vom Literaturinstitut kommt?
Hanna Lemke: Es wird mit der Zeit besser, weil immer mehr Absolventen vom Literaturinstitut mit Veröffentlichungen in Erscheinung treten, die ganz unterschiedlich sind. Thomas Pletzinger etwa, der nach seinem ersten Erfolg jetzt ein Buch über Alba Berlin geschrieben hat. Das geht inzwischen in so viele unterschiedliche Richtungen, so dass sich die Vorurteile gegenüber dem Literaturinstitut so langsam in Luft auflösen. Die sind nicht mehr haltbar.
PAC: Kannst du denn das Bedürfnis nachvollziehen, dass da jemand kommt und unsere Gefühlslagen im Jetzt erklärt?
Hanna Lemke: Das Bedürfnis wird auch an mich herangetragen: Wann schreibst du den Berlinroman? Bei Lesern, Kritikern und auch beim Verlag ist natürlich der Wunsch da, die Gegenwart in einen großen Roman zu pressen. Da kann ich nur sagen: Das ist aber nicht mein Bestreben. Und das geht vermutlich vielen anderen Autoren ähnlich.
PAC: Ist mit deiner Herangehensweise ans Schreiben denn ein Roman ausgeschlossen, oder schreibst du dich gerade an den Roman ran?
Hanna Lemke: Ich schreibe noch nichts Neues und lege gerade eine Pause ein. Aber ich flirte mit dem Roman, weil das eine schöne Herausforderung ist und ich das gerne probieren würde. Nachdem ich den Kurzgeschichtenband geschrieben hatte, war da das Gefühl, jetzt zu wissen, wie die geschrieben werden. Ich könnte jetzt noch viele weitere Storys schreiben, aber das würde mir langweilig werden. Zuletzt war das alles auch schon automatisiert: die Figurenzeichnung und auch die Pointen. Die Figuren gehen ja schon immer auf ähnliche Weise auseinander. Deswegen wollte ich mehr Raum und mehr Zeit und eine Erzählung, die viele ruhiger ist und auf diese Pointen auch verzichtet. Jetzt möchte ich gerne eine noch längere Strecke ausprobieren, bei der ich mir auch schon vorher eine Struktur mache. Ich will mir die Ebenen überlegen und ganz geplant da rangehen. Ob mir das gelingt steht allerdings noch wirklich in den Sternen, weil ich noch keine einzige Zeile geschrieben habe.
PAC: In den Geschichten von „Gesichertes“ war es immer so, dass Beziehungen einfach verschwinden.
Hanna Lemke: Genau, in meinem ersten Buch habe ich den Akzent sehr stark auf die Flüchtigkeit dieser Beziehungen gelegt. Es ging um die gewollte Unverbindlichkeit der Beziehungen. Die Figuren sind sehr gerne aneinander vorbeigelaufen. Vom Grundgefühl wollte ich jetzt in der längeren Erzählung aber etwas anderes haben. Deswegen habe ich mich für Geschwister entschieden. Die sind ja von Geburt an zusammen und haben sich das nicht ausgesucht. Meine These ist ja, dass dieses miteinander Aufwachsen einen Zusammenhalt geben kann, auf den man auch noch zurückgreift, wenn man erwachsen ist. Auch wenn man sich wie Milla und Ritschie in der Erzählung ein bisschen auseinander gelebt hat. Die Erinnerungen sind noch da und es gibt eine Art intuitives Verständnis füreinander. Am Ende etabliere ich das ja auch als etwas, worauf sie sich wieder verlassen können. Milla gibt es beispielsweise wieder Stärke zurück.
PAC: Es ist eine Orientierung, aber eine erzwungene Orientierung, die man sich nicht ausgesucht hat …
Hanna Lemke: Genau, letztendlich ist es eine Zufälligkeit, die einem mitgegeben wurde. Für Milla ist der drei oder vier Jahre ältere Ritschie jemand, der immer schon dagewesen ist. Er gehört für sie von Anfang an zum Lebensmobiliar. Bei ihnen ist es zwar mehr ein Nebeneinander als ein Miteinander, aber trotzdem schafft es eine ungemeine Vertrautheit. Das kann das Schöne an Geschwisterbeziehungen sein.
„Geschwisterkinder“ von Hanna Lemke ist bei Kunstmann erschienen.
Foto Hanna Lemke: Markus Schädel
