Heute im Plattenladen: Rufus Wainwright. »» Nachdem er mit Mark Ronson „Out of the Game“ gemacht hat, tanzt Rufus durch die Clubs. Und er haut im Interview mit PAC sein sein zweites Comingout raus.
PAC: Rufus, welche Platte von Mark Ronson hat dich denn so beeindruckt, dass du auf die Idee gekommen bist, dein neues Album „Out of the Game“ mit ihm einzuspielen?
Rufus Wainwright: Ich kenne vor allem seine Amy-Winehouse-Sachen, natürlich liebe ich „Back to Black“, aber auch seine letzte, eigene Platte hat mir ziemlich gut gefallen. Unsere Zusammenarbeit kam zustande, weil wir viele gemeinsame Freunde haben, allen voran Sean Lennon. Lange Zeit war Mark für mich der Fremde, dem ich nie begegnet bin, der aber trotzdem ständig anwesend war. Und als wir uns dann endlich getroffen haben, hat es sich angefühlt, als wären wir bereits seit langer Zeit die besten Freunde.
PAC: Du hast mal gesagt, durch die Arbeit mit ihm hast du dich 20 Jahre jünger gefühlt. Inwiefern denn das?
Rufus Wainwright: Ich kann nicht abstreiten, dass die letzten zwei Jahre einerseits zu den glücklichsten, andererseits aber auch zu den härtesten Jahren meines Lebens zählen. Ich bin Vater geworden, aber ich habe auch meine Mutter verloren. In ruhigen Momenten gingen mir ständig die ganz großen Fragen durch den Kopf. Aber dann war ich mit Mark im Studio, und plötzlich drehte sich alles nur noch um Musik. Wir hatten Spaß mit den Jungs, und wir haben uns darüber unterhalten, was für schöne Schuhe Mark wieder trägt oder in welches sagenumwobene Restaurant wir als nächstes gehen. Alles war leicht und entspannt, und das war genau das, was ich brauchte, um ans Ende meiner Leidensphase vorzudringen und den Tod meiner Mutter zu überwinden. Am allerletzten Arbeitstag habe ich Mark angesehen und bin in Tränen ausgebrochen, weil dieser wunderschöne Urlaub von der Schwere des Lebens ein Ende haben sollte.
RUFUS WAINWRIGHT – OUT OF THE GAME – VIDEO TEASER – DECCA from gary nadeau on Vimeo.
PAC: Warum bezeichnest du „Out of the Game“ als „deine männliche Platte“?
Rufus Wainwright: Während der Aufnahmen war ich ständig von heterosexuellen Männern umgeben. Wir hingen in einem dreckigen und stinkenden Studio in Brooklyn ab, haben unglaublich viele Kippen geraucht, und es war ein bisschen so, als würde ich ein zweites Mal meine Highschool-Zeit durchleben. Nur dass ich mich dieses Mal so sexy gefühlt habe, als wäre ich auch Mitglied des Footballteams. Das wäre die leicht unernste Antwort auf diese Frage, aber es gibt auch eine schmerzhafte Variante. Man sagt ja, eine Mutter bringt ihr Kind zweimal zur Welt: zum einen mit der Geburt und ein zweites Mal, wenn die Mutter stirbt. Nachdem mich meine Mutter verlassen hat, fühlt es sich wirklich so an. Jetzt bin ich kein Junge mehr, ich bin zum Mann geworden. Wenn für mich jetzt nur noch eine Regel gilt, dann ist das wie ein zweites Comingout: Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.
PAC: Nervt es da nicht, dass alle mit dir immer über schwule Themen reden wollen?
Rufus Wainwright: Es wäre vermessen zu behaupten, ich wäre davon ermüdet, schließlich habe ich selbst ja immer alle Möglichkeiten ausgeschöpft: Ich habe eine Judy-Garland-Platte aufgenommen, mit „Prima Donna“ habe ich eine Oper geschrieben, und selbst wenn ich mit meiner Familie musiziert habe, stand diese Zuschreibung im Mittelpunkt. Mein Leben lang war ich immer der schwule Sohn. Ich bin sehr stolz darauf, und ich liebe die Vorstellung abgöttisch, jederzeit an diesen warmen Ort zurückkehren zu können. Auf der anderen Seite merke ich, dass das Leben wirklich hart ist. Man muss ein bisschen wie ein Soldat sein, um weiter zu kommen, ganz besonders, wenn man älter wird und alles nicht mehr so leicht und so schnell ist. Letztendlich will ich natürlich auch als der komplexe Mensch gesehen werden, der ich bin.
PAC: Auf der neuen Platte wird auch ein tanzender Rufus geboren. Wenn man „Bitter Tears“ hört, denkt man sofort an eine Remixversion, die den Song in einen hundertprozentigen Clubhit verwandelt. Wie gefällt dir diese Vorstellung?
Rufus Wainwright: Großartig! Letzte Nacht habe ich mir eine Doku über Marlene Dietrich angesehen, und da wurde eine Szene gezeigt, in der sie mit dem französischen Schauspieler Jean Gabin ausgeht. Der muss da um die 40 gewesen sein, aber er sah aus als wäre er 65. Ich finde, ich halte mich ganz gut, wenn man bedenkt, dass ich 38 bin, mich im Rampenlicht bewege und ständig in Clubs auftrete. Das nehme ich mal als guten Grund, um noch mal richtig zu feiern, denn in fünf Jahren sehe ich wahrscheinlich wie Jean Gabin aus.
PAC: Eigentlich müsstest du jetzt doch von altersweisen Erkenntnissen und einer neuen Verantwortung sprechen, schließlich bist du Vater geworden.
Rufus Wainwright: Ich lerne die Vaterrolle nur sehr langsam, muss ich zugeben. Momentan ist alles noch sehr stark von Trauer überdeckt, für die ich wohl mehr Zeit benötige als die meisten Menschen. Ich stand meiner Mutter sehr nah, denke noch jeden Tag an sie, und momentan ist für mich noch alles in dieser Wolke gefangen. Vielleicht wird das Vaterdasein mein Leben stärker verändern, wenn meine Tochter älter wird und wir auch verbal miteinander kommunizieren.
PAC: Das klingt ein bisschen so, als hättest du Angst, es könnte dir nicht gelingen …
Rufus Wainwright: Meine größte Angst ist, dass meine Tochter mich hassen wird, und ich nicht in der Lage sein werde, das zu ändern. Da bin ich natürlich sehr geprägt: Ich habe meinen Vater viele Jahre lang gehasst, und manchmal hasse ich ihn noch immer. Aber irgendwann habe ich es geschafft, mich mit meinem Vater so gut es eben geht auszusöhnen. Ich hoffe, das wird meiner Tochter auch gelingen. Sie wird mich ganz sicher wegen bestimmter Dinge hassen, denn sie ist sehr nachtragend. Und da hoffe ich dann, sie kann akzeptieren, dass ich auch nur ein Mensch bin.
„Out of the Game“ von Rufus Wainwright ist ab heute via Decca/Universal erhältlich.
Rufus live:
25. 4. Berlin, Universität der Künste
13. 7. Melt!
Foto Rufus Wainwright: Tina Tyrell
